Archive for December, 2007

30th December
2007
written by Tobias Blanken

Die amerikanischen und irakischen Behörden versuchten, eine Regierung der nationalen Einheit aus Sunniten, Schiiten und Kurden zu bilden, erklärte Bin Laden weiter. „Unsere Pflicht ist es, diese Pläne zu vereiteln, weil sie die Errichtung eines islamischen Staates im Irak verhindern könnten, der eine Mauer des Widerstands gegen die amerikanische Pläne zur Teilung des Iraks wäre.“

Aus: DIE WELT – Bin Laden droht mit Anschlägen in Israel

29th December
2007
written by Tobias Blanken

Neben dem hier und Fotostrecken wie dieser hier gibt es im neuen Jahr einen weiteren guten Grund bei der New York Times vorbeizuschauen:

The Huffington Post has learned that, in a move bound to create controversy, the New York Times is set to announce that Bill Kristol will become a weekly columnist in 2008

Quelle: Bill Kristol To Become New York Times Columnist In 2008

27th December
2007
written by Tobias Blanken

Da Sebastian Haffner heute 100 Jahre alt geworden wäre hat DIE WELT einen weitgehend unbekannten Text Haffners über die Unvereinbarkeit von Geschmack und Weltanschauung veröffentlicht:

Man kann Geschmack haben, oder man kann eine Weltanschauung haben. Eins davon muss man haben. Beides kann man nicht haben. Man hat die Wahl.
Dass sich über den Geschmack nicht streiten lässt, ist bekannt; dass sich über die Weltanschauung nicht streiten lässt, ist weniger bekannt, aber ebenso wahr. Geschmack oder Weltanschauung hat man, wie man eine Schuhnummer hat, eine Haarfarbe oder einen Körpergeruch. Wer sie angreift, ist ein Feind; kein Gesprächspartner.
Die Weltanschauung rechtfertigt jede Geschmacklosigkeit; deswegen kann der Geschmackvolle keine haben. Der Geschmack rechtfertigt jede Prinziplosigkeit; deswegen kann der Prinzipienmensch keinen gebrauchen. Ob man lieber Geschmack haben soll oder eine Weltanschauung, ist eine Geschmacksfrage; oder eine Weltanschauungsfrage.

Zum ganzen Text geht es hier.

22nd December
2007
written by Tobias Blanken

Gesetz, ich unternähme es, einem Russen, einem Franzosen, einem Schweizer usw. gegenüber von der Notwendigkeit ihrer Staaten zu reden, würden sie, so angesprochen, mich verständnislos anglotzen. Ihre Staaten brauchen keine Bestätigung ihrer Notwendigkeit. Der Versuch, die Notwendigkeit irgendeines Staates beweisen zu wollen, scheint nicht nur überflüssig, sondern auch komisch, aber eben auch beleidigend, denn der Grund, der den Vortragenden dahin brachte, einen solchen Beweis zu führen, beunruhigt: Muß schon die Notwendigkeit eines Staates bewiesen werden und, ist der Zuhörer ein Bürger des Staates, damit auch die Notwendigkeit des Zuhörers selbst, überhaupt zu existieren, so müssen offenbar starke Einwände vorhanden sein, die diese Notwendigkeit bezweifeln. Das definiert denn auch die Lage des Staates Israel: Er ist zwar, aber er scheint vielen nicht notwendig zu sein, ja mehr und mehr störend, man wäre froh, wenn er nicht wäre, auch jene wären glücklich über seine Nichtexistenz, die seine Existenz bejahen. Ein Verdacht nur, gewiß, doch ein berechtigter Verdacht.

Aus: Friedrich Dürrenmatt, Zusammenhänge. Essay über Israel. Eine Konzeption. Zürich 1976, S. 21 und 22.

21st December
2007
written by Tobias Blanken

In Spiegel-Online findet sich unter der Überschrift Warum David mehr Fans hat als Goliath ein Artikel, der die Ergebnisse einer psychologischen Studie der University of South Florida wiedergibt, welche sich mit den Sympathien für eine von zwei Konfliktparteien auseinandersetzt.

Insgesamt wurde in vier Experimenten nachgewiesen, dass Menschen deutlich mehr Sympatie für den vermeintlichen Underdog empfinden – und sich auch die Realität nach dieser Sicht zurechtbiegen:

Den vermeintlichen Favoriten wurden größere Fähigkeiten zugesprochen, den Außenseitern dafür mehr Anstrengung und “Herz” attestiert. “Menschen, die das gleiche Ereignis beobachten, können, je nach Motivation und Blickwinkel, sehr unterschiedliche Dinge sehen”, schreiben Vandello und seine Kollegen.

Exakt der selbe Effekt konnte auch bei der Betrachtung des Nahost-Konflikts nachgewiesen werden; der Versuchsaufbau wird folgendermaßen beschrieben:

Verblüffend ist das Resultat der Studie zum Nahost-Konflikt. Allein die Darstellung einer Karte des umkämpften Gebietes wirkte sich drastisch auf die Sympathien der Versuchsteilnehmer für die eine oder andere Seite aus. Eine Gruppe sah Israel in groß und fast ohne Darstellung der geografischen Umgebung – das Land sieht auf der Karte groß aus, die Palästinensergebiete im Westjordanland und im Gaza-Streifen dagegen klein. Bei einer zweiten Karte wurde der Ausschnitt vergrößert: Neben Israel waren nun auch noch die arabischen Staaten der Umgebung zu sehen: Ägypten, Jordanien, Syrien und auch Saudi-Arabien. Israel erscheint auf dieser Karte deutlich kleiner, umgeben von feindlich gesonnenen Flächenstaaten.

Dementsprechend wurde der Konflikt dann folgendermaßen beurteilt:

Die Versuchspersonen lasen zu Beginn des Experimentes einen kurzen Aufsatz über den Nahostkonflikt und wurden aufgefordert, sich die jeweilige Karte genau einzuprägen, mit der Begründung, sie sollten sie später nachzeichnen. Die Teilnehmer, die Israel in groß gesehen hatten bekundeten anschließend mehrheitlich, eher auf Seiten der Palästinenser zu stehen, weniger als die Hälfte war für Israel. Wurde Israel jedoch im Kontext des gesamten nahen Ostens gezeigt, wandelte sich das Bild: In dieser Gruppe waren fast 77 Prozent der Teilnehmer auf Seiten Israels.

Überraschen dürfte das Ergebnis wohl kaum jemanden. Wenn wir alle so tun, als ob es die arabischen Staaten nicht geben würde, dann würden wir (jedenfalls der Teil von uns, der emotional von der Hand in den Mund lebt) mehrheitlich für die Palästinenser Partei ergreifen. Man muss einfach nur die Realitäten erfolgreich ausblenden, dann wird es auch was mit der Palästinenser-Solidarität.

Whatever. Ich höre mir jetzt Bob Dylan an:

Well, the neighborhood bully, he’s just one man,
His enemies say he’s on their land.
They got him outnumbered about a million to one,
He got no place to escape to, no place to run.
He’s the neighborhood bully.

(Bob Dylan – Neighborhood Bully)

20th December
2007
written by Tobias Blanken
20th December
2007
written by Tobias Blanken

Eins-zwei-drei-vier
Today your love, tomorrow the world today your love, tomorrow the world

(The Ramones)

It would be the end of the world as we know it and I don’t feel fine. Ahmadinejad: “Islam’s Aim Is Establishing Global Government”:

If we would delete the ultimate objective of establishing a global system from the Haj rituals, the remainder would be deeds devoid of a soul.

20th December
2007
written by Tobias Blanken

Der Preis für das Revival der Realpolitik nach Annapolis wird nicht nur vom Libanon bezahlt, wie man im Weekly Standard nachlesen kann:

Consciously or not, Rice signaled where America’s real priorities lie–not with protecting a fledgling democracy in Beirut from the terrorist state next door, but in trying to reward a society that breeds terrorism within its own state.

It seems that in the end, Bashar al-Asad and his family will pay no price for their murderous campaign against a U.S. ally. That is to say, insofar as the White House’s post-9/11 freedom agenda was meant to counter violence and extremism, it is Osama bin Laden’s vision of the Middle East that has won the day in Lebanon–not freedom, sovereignty and independence, but terror and death.

Sondern auch von den Syrern, die sich nicht mit Assads tyrannischem Baath-System abfinden wollen:

Syriens Behörden sind in den letzten Wochen verschärft gegen Regimekritiker vorgegangen. Seit Anfang Dezember sind mindestens sieben Dissidenten festgenommen worden. Sie alle gehören zu den Unterzeichnern der sogenannten “Damascus Declaration”, einer gemeinsamen Erklärung kommunistischer, nationalistischer, liberaler und kurdischer Gruppen, die im Oktober 2005 veröffentlicht wurde.

Mehr über die Folgen auf dem Naher und Mittlerer Osten Blog unter Syrien geht gegen Oppositionelle vor.

19th December
2007
written by Tobias Blanken

Die Kritik der Kritischen Theorie in Gänze beherrschen andere deutlich besser als ich, aus aktuellem Anlass möchte ich jedoch im folgenden auf einen ein Nebenwiderspruch der Kritischen Theorie eingehen; genauer: Auf die Elemente des Antisemitismus aus Adornos und Horkheimers Dialektik der Aufklärung.

Unter der Voraussetzung, dass man einzelne Sätze und Abschnitte unabhängig von der Kapitalismus- und Gesellschaftskritik des Gesamtwerkes betrachtet (ob legitim oder nicht sei hier dahingestellt; die Aufrechterhaltung der Differenz und Einheit von Liberalismus und Faschismus durch die Kritische Theorie soll ebenfalls nicht thematisiert werden), dann findet man etliche geniale Stellen. In der sechsten These etwa heißt es: Anstatt der Stimme des Gewissens hört es Stimmen; anstatt in sich zu gehen, um das Protokoll der eigenen Machtgier aufzunehmen, schreibt es die Protokolle der Weisen von Zion den andern zu. Sprachgewaltig wird vor Augen geführt, was der Antisemitismus über das Subjekt und dem Objekt der Projektion aussagt; die Stelle kann nahtlos an Sartres Wenn es keinen Juden gäbe, der Antisemit würde ihn erfinden anknüpfen.

Deutlich häufiger findet man jedoch Stellen, die selbst unter der Ausblendung der Kapitalismuskritik äußerst problematisch sind. Die Elemente des Antisemitismus sind voll von Widersprüchen, die sich auch beim besten Willen nicht durch (eine wie auch immer geartete) Dialektik aufheben lassen. Beispiel: Die ersten sechs Thesen sind von der Anstrengung durchzogen, die Besonderheiten des Antisemitismus aufzuzeigen. Dennoch fällt in der zweiten These der Satz Und wie die Opfer untereinander auswechselbar sind, je nach der Konstellation: Vagabunden, Juden, Protestanten, Katholiken, kann jedes von ihnen anstelle der Mörder treten, in derselben blinden Lust des Totschlags, sobald es als die Norm sich mächtig fühlt. Aller historischen Erfahrungen zum Trotz werden Täter und Opfer als beliebig austauschbar dargestellt, als wenn es nur ein Zufall gewesen wäre, dass die Deutschen die Juden umgebracht haben – und eben nicht umgekehrt. Adorno und Horkheimer könnten hier durchaus auch als Stichwortgeber für diejenigen fungieren, die ständig so widerlichen geistigen Schwachsinn wie die Muslimen sind die Juden von heute von sich geben. Die siebte These ist aus dieser Hinsicht besonders problematisch, da unter den wunderbar klingenden Begriffen des Tickets und der Ticketmentalität die Besonderheit des Antisemitismus und selbst des Holocausts zu verschwinden droht.

Ebenso widerspruchsvoll und problematisch verhält es sich mit dem eigentlichen Nebenwiderspruch dieses Posts. Lizas Welt hat heute folgendes zur Einleitung eines (ansonsten lesenswerten, zumindest für Personen mit Interesse an Szenediskussionen) Artikels geschrieben:

Manche Sätze gehören einfach in Stein gemeißelt: „Der eigentliche Gewinn, auf den der Volksgenosse rechnet, ist die Sanktionierung seiner Wut durchs Kollektiv“, schrieben Horkheimer und Adorno einmal über die maßgeblichen Triebkräfte des Antisemitismus, und: „Je weniger sonst herauskommt, um so verstockter hält man sich wider die bessere Erkenntnis an die Bewegung. Gegen das Argument mangelnder Rentabilität hat sich der Antisemitismus immun gezeigt.“ Es war dies nicht zuletzt eine Kritik des Ökonomismus, wie ihn die Kommunisten betrieben, die in Auschwitz, Treblinka und Majdanek bloß die Kulmination der Verbrechen des Monopolkapitals, die ultimative Konsequenz ungehemmten Profitstrebens also, erkennen wollten. Dass die Vernichtung der europäischen Juden um ihrer selbst willen geschehen und keiner gewöhnlichen Kosten-Nutzen-Rechnung gefolgt sein könnte, war für die Revolutionäre schlicht undenkbar.

Ehrlich gesagt wünschte ich, man könnte dieses so stehen lassen. Aber in den Elementen des Antisemitismus finden sich mehrere Aussagen, die zeigen, dass auch Adorno und Horkheimer im plattesten Ökonomismus der Kommunisten gefangen blieben. Gleich in der ersten These fällt der Satz Den Arbeitern, auf die es zuletzt freilich abgesehen ist, sagt es aus guten Gründen keiner ins Gesicht, der aus dem Antisemitismus die ordinäre kommunistische Betrachtung eines Ablenkungsmanövers macht. Der Satz könnte so auch in den Schulbüchern der DDR oder den Faschismustheorien eines Reinhard Kühnl stehen, wo der Holocaust beständig zu einem Kollateralschaden beim Hobeln an der ach so tollen Arbeiterbewegung verkommt.

Die Genossen Dimitroff und Kuusinen lassen in der zweiten These (wenige Zeilen über dem von Lizas Welt verwendeten Zitat) grüßen, wenn es da heißt Seine Zweckmäßigkeit für die Herrschaft liegt zutage. Er wird als Ablenkung, billiges Korruptionsmittel, terroristisches Exempel verwandt. Die respektablen Rackets unterhalten ihn, und die irrespektablen üben ihn aus. [...] Die hohen Auftraggeber freilich, die es wissen, hassen die Juden nicht und lieben nicht die Gefolgschaft. In die selbe Kerbe eines Ökonismus, dessen Geistesgehalt dem einer Verschwörungstheorie entspricht, schlägt auch die siebte These, wenn es dort heißt Anstelle der antisemitischen Psychologie ist weithin das bloße Ja zum faschistischen Ticket getreten, dem Inventar der Parolen der streitbaren Großindustrie.

Der von den Kommunisten so heiß geliebte Klassencharakter des Faschismus findet sich auch in der sechsten These: In solcher Macht bleibt es dem von der Partei gelenkten Zufall überlassen, wohin die verzweifelte Selbsterhaltung die Schuld an ihrem Schrecken projiziert. Vorbestimmt für solche Lenkung sind die Juden. Die Zirkulationssphäre, in der sie ihre ökonomischen Machtpositionen besaßen, ist im Schwinden begriffen. Die liberalistische Form des Unternehmens hatte den zersplitterten Vermögen noch politischen Einfluß gestattet. Jetzt werden die eben erst Emanzipierten den mit dem Staatsapparat verschmolzenen, der Konkurrenz entwachsenen Kapitalmächten ausgeliefert.

Kurz und gut: Einige Stellen aus den Elementen des Antisemitismus sind klasse – aber als eine Kritik des Ökonomismus, wie ihn die Kommunisten betrieben sind die Elemente unbrauchbar, schlimmer noch: Sie sind selbst im Ökonomismus gefangen.

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