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22nd December
2007
written by Tobias Blanken

Gesetz, ich unternähme es, einem Russen, einem Franzosen, einem Schweizer usw. gegenüber von der Notwendigkeit ihrer Staaten zu reden, würden sie, so angesprochen, mich verständnislos anglotzen. Ihre Staaten brauchen keine Bestätigung ihrer Notwendigkeit. Der Versuch, die Notwendigkeit irgendeines Staates beweisen zu wollen, scheint nicht nur überflüssig, sondern auch komisch, aber eben auch beleidigend, denn der Grund, der den Vortragenden dahin brachte, einen solchen Beweis zu führen, beunruhigt: Muß schon die Notwendigkeit eines Staates bewiesen werden und, ist der Zuhörer ein Bürger des Staates, damit auch die Notwendigkeit des Zuhörers selbst, überhaupt zu existieren, so müssen offenbar starke Einwände vorhanden sein, die diese Notwendigkeit bezweifeln. Das definiert denn auch die Lage des Staates Israel: Er ist zwar, aber er scheint vielen nicht notwendig zu sein, ja mehr und mehr störend, man wäre froh, wenn er nicht wäre, auch jene wären glücklich über seine Nichtexistenz, die seine Existenz bejahen. Ein Verdacht nur, gewiß, doch ein berechtigter Verdacht.

Aus: Friedrich Dürrenmatt, Zusammenhänge. Essay über Israel. Eine Konzeption. Zürich 1976, S. 21 und 22.

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