Archive for January 17th, 2008

17th January
2008
written by Tobias Blanken

Er und er haben es schon getan, trotzdem weise auch ich auf ein Interview mit Götz Aly im Börsenblatt über den spezifisch deutschen Totalitarismus der 68er hin.

Aly über das Zurechtbiegen der eigenen Vergangenheit durch die 68er:

Der deutsche Furor, das Unbedingte und schließlich das Doktrinäre der 68er-”Bewegung“ rücken ganz in den Hintergrund. Es werden die schönen, weichen Aspekte der Revolte hervorgehoben, freie Sexualität und andere, neue Kommunikationsformen. All das waren zweifellos wichtige Dinge. In meiner Schulzeit war zum Beispiel in den Schulen die Prügelstrafe noch selbstverständlich.
Aber meine Kampfgenossen von damals tun heute gerne so, als seien sie in den Jahren der Revolte als bessere Heilsarmee unterwegs gewesen, immer im Einsatz für die Schwachen. Und sie tun so, als hätten sie die Aufklärung über die NS-Vergangenheit ins Werk gesetzt. Davon kann keine Rede sein.

Dieses “davon kann keine Rede sein” über die Aufarbeitung der Vergangenheit führt Aly weiter aus:

In den Jahren 1967 und 1968 fanden die meisten NS-Prozesse in der Bundesrepublik statt, vielfach verhängten die Schwurgerichte lebenslange Haftstrafen. Die Regierung Kiesinger / Brandt verlängerte noch einmal die Verjährungsfrist für Morddelikte und bekundete damit den Willen, die juristische Aufarbeitung der NS-Verbrechen fortzusetzen. Die 68er haben das damals alles verdrängt. Wenn Sie heute einen ehemaligen 68er fragen, an welche NS-Prozesse von ’68 er sich erinnert, dann fällt dem nichts ein. Damals wurden Prozesse wegen der Massenmorde in Treblinka, Sobibor und Belzec geführt, Prozesse gegen KZ-Personal und SD-Mörder – für die Linksradikalen von damals spielte das keine Rolle, in ihren zahllosen Postillen und Flugschriften fand das keinen Niederschlag. Stattdessen suchten die aufbegehrenden Studenten die Völkermörder im Ausland, vorzugsweise in den USA, schließlich sogar in Israel – überall, nur nicht bei sich zu Hause. Der Faschist wandelte sich vom Deutschen mit Namen und Adresse zur weltweiten Erscheinung. Diese widerliche Gestalt wurde nach den nun gängigen Faschismus-”Theorien“ in den Agenturen des Imperialismus und des Kapitals ausgebrütet, stammte nicht etwa aus kerndeutschen Familien aller sozialer Schichten. Kurz gesagt: Die linken Studenten wichen vor der Last der Vergangenheit aus, sie waren damit überfordert und flüchteten in den Internationalismus.

Hiernach wird Aly gefragt, was ihm als 68er Protagonist heute am peinlichsten wäre, Aly antwortet folgendermaßen:

Unsere Mao-Leidenschaft. Wir haben einen Massenmörder verehrt. Wir schwärmten für die chinesische Kulturrevolution und wollten nicht wissen, dass sie mit staatlich gesteuerter Gewalt verbunden war: Drei Millionen Menschen wurden ermordet, 100 Millionen deportiert. Ich trug damals einen goldenen Mao-Knopf am Revers. Und als 1972 die kambodschanische Revolution ausbrach, fanden wir auch diese ganz toll. Die Revolution, für die wir so warme Worte fanden, wurde von Pol Pot geleitet. Auch das wird heute meist verdrängt.
Ich bin der Frage nachgegangen, was wir über Maos Verbrechen hätten wissen können. Das Ergebnis ist niederschmetternd. Wir hätten nämlich alles wissen können. Der Mann, der das mit großer wissenschaftlicher Gründlichkeit dokumentiert hatte, hieß Jürgen Domes und saß mitten in der Hochburg der Studentenrevolte, im Otto-Suhr-Institut der Freien Universität. Wir haben ihn einfach für rechtsradikal erklärt. Ich habe seine damaligen Texte über die Zustände in China jetzt – nach vierzig Jahren – zum ersten Mal gelesen: Es handelt sich um nüchterne, von jedem schäumenden Antikommunismus freie, sehr sachliche Analysen, wie ich sie heute für vorbildlich halten würde.

Das Interview gehört eindeutig in die Kategorie lesenswert, geführt wurde es, da Alys Buch Unser Kampf (sic!) über eben dieses Thema im März erscheint.

17th January
2008
written by Tobias Blanken

Der Tagesspiegel hat soeben folgendes berichtet:

Punks zettelten Hetzjagd an

Die fünf Schüler der Jüdischen Oberschule an der Großen Hamburger Straße befanden sich gestern auf dem Heimweg als sie plötzlich von den Punks verbal angegriffen wurden. An der Ecke Oranienburger Straße/Ecke Große Hamburger Straße beschimpften die vier Männer die Schüler mit antisemitischen Parolen.

Danach setzten die Punks ihre verlausten Begleiter in Bewegung:

Anschließend hetzten sie einen ihrer Hunde auf die Jugendlichen und eine Verfolgungsjagd begann. Ein 15-Jähriger rettete sich in einen Bäckerladen. Der Hund ließ erst von ihm ab als dieser die Tür schloss.

17th January
2008
written by Tobias Blanken

Mit meiner Vorfreude über die Verpflichtung William (“Bill”) Kristols durch die New York Times habe ich offensichtlich einen Volltreffer gelandet, denn nun melden sich die ewig Zukurzgekommenen beleidigt zu Wort:

America needs realists, not William Kristol. By Stephen M. Walt.