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12th February
2008
written by Tobias Blanken

Rolf Schneider schreibt auf DIE WELT über die DDR-Erfahrungen mit 68:

Für einstige DDR-Bürger ist die Jahreszahl 1968 primär nicht von Dutschke, Ho-Ho-Ho-Tschi-Minh-Rufen und Che Guevara bestimmt, sondern von Ereignissen in der CSSR. Die einzige, sehr lose Gemeinsamkeit zwischen Ost und West war, dass es sich in beiden Fällen um Vorgänge innerhalb der politischen Linken handelte.

Der Artikel 1968 war für uns Prag, nicht Rudi Dutschke ist recht kurz; besonders spannend fand ich die Passagen, die sich auf die Studenten des Otto-Suhr-Instituts beziehen:

Unsereins sah im linksradikalen Auftreten der Studentenbewegung eine Wiederkehr jener totalitären Gewohnheiten, wie wir sie täglich von unserem Staat erfuhren, unter denen wir seufzten und auf die wir gerne verzichtet hätten. Soziale Gewohnheiten der Achtundsechziger wie Sit-ins und Teach-ins blieben uns fremd. Das Kampfmittel Demonstration war durch die ostdeutsche Offizialpraxis verdorben. Ungläubig nahmen wir zur Kenntnis, wie aus Dahlem nach Ostberlin herübergereiste Jung-Politologen die Buchhandelsregale mit den vergleichsweise preiswerten Bänden der ostdeutschen Marx-Engels-Gesamtausgabe leerkauften.

Vereinzelt kam es auch zu persönlichen Begegnungen. Die meisten verliefen unerquicklich. Im klassischen Marxismus-Leninismus waren gewöhnlich wir die Beleseneren, auch deswegen erschien uns das ideologische Omnipotenzgehabe der Gäste suspekt. Was wir an Realerfahrungen aus dem osteuropäischen Sozialismus vortrugen, interessierte jene kaum. Bestenfalls sahen sie im Ostblock das nicht durchweg glückliche Experimentierfeld einer Gesellschaftslehre, deren endlichen Erfolg erst sie selbst realisieren würden.

Prag war gleichfalls Gegenstand des Streits. Was die Reformer um Dubcek wollten und praktizierten, waren Anleihen bei der bürgerlichen Demokratie, in der die Antiautoritären ihren verhassten politischen Gegner erkannten. Lieber reisten wir, statt mit Angehörigen des Otto-Suhr-Instituts der FU Berlin zu zanken und Adlershofer Wodka zu trinken, nach Böhmen, um dort Gleichgesinnte zu treffen und in dortigen Buchhandlungen indiziertes Schrifttum zu erwerben.

Something never changes.

6 Comments

  1. 12/02/2008

    Some things neither. ;-)

  2. 13/02/2008

    Rolf Schneider bringt die unterschiedliche Wahrnehmung von 1968 ist Ost und West seinerzeitig auf den Punkt.

    Florian Havemann hat sich über Prag/SU sowohl mit seinem Alten als auch mit dem SED-Staat endgültig entzweit,sein Havemann-Buch wird aber nicht in diesem Kontext einer grundsätzlichen ideologischen – vom Staat total gedeckelten – Auseinadersetzung betrachtet. Warum ist das so?
    Von den Elogen auf Dutschke und seinen Massenmörder-Fanclub als bundesrepublikanischen Erinnerungskanon möchte ich erst garnicht reden,ich müsste mehr kotzen als ich essen kann.
    By the way: Ich arbeite gerade an einem Text über die “Wendekinder”, deren Wahrnehmung von DDR-Dissidenz, BRD-APO und einer damit verbindbaren Erinnerungskultur.

    Merci vielmals für dieses thematische Einsprengsel im sonst so karg-einfältigen gesamtdeutschen 68′iger-Diskurs.
    Herzlich
    Zuppi

  3. 13/02/2008

    sorry,es sollte heissen:
    Rolf Schneider bringt die unterschiedliche Wahrnehmung von 1968 in Ost und West seinerzeitig auf den Punkt.

  4. 13/02/2008

    [...] references: 68 buten un binnen [...]

  5. Tobias Blanken
    14/02/2008

    @ Zuppi “Merci vielmals für dieses thematische Einsprengsel im sonst so karg-einfältigen gesamtdeutschen 68′iger-Diskurs.”

    Dafür musst du mir nicht danken. Ich habe es nur gefunden.

    Was ich meine: Es war auch nicht alles schlecht an der DDR. Hört sich natürlich irre provokant an, aber: Vergiss den gesamten Ostalgiedreck, vergiss die Verklärung der DDR. Aber: Höre den Dissidenten der DDR zu. Die haben sehr viel zu erzählen. Und diese Jungs und Mädels aus der DDR bewunder ich, die haben einen viel klareren Blick auf viele Verhältnisse.

  6. 14/02/2008

    Hallo Tobias,
    dann Danke ich Dir eben fürs Auffinden :P

    “Es war auch nicht alles schlecht an der DDR.”
    Dann ist nicht nur wahr sondern auch richtig,sonst wäre der ganze Laden schon viel früher baden gegangen.

    Aber mal im Ernst: Die DDR war über 3 Generationen eine massenhafte Realität,viele Millionen Leben wurden dort gelebt und wer sich mit den vorgegebenen Grenzen irgendwie arrangieren konnte, hat sich ja auch nichts vorzuwerfen und besser hätten es wohl fast alle Menschen in ihrer Zeit machen können.

    Ich habe den Dissidenten schon sehr frühzeitig zugehört. Von Kempowski , Bahro – bis in die frühen 80iger,danach hat der nur noch rumgesponnen – über J. Fuchs bis zu Biermann waren im Westen ja einige Personen greifbar. Und die westdeutsche Debatte über die Zone war leider selten erhellend, weil sie ideologisch aufgeladen und meist ohne ein wirkliches Interesse am Leben,Leiden und so mancherlei Freuden der DDR-Gesellschaften ausgeprägt war.

    Die heutige Debatte hat aber so garnichts von einem Zusammenwachsen dieser auch sehr unterschiedlichen Identitäten, die sich ja selbst im Personenkreis der Dissidenten abzeichnen. Ob Dagebliebene, Geflüchtete, Verhaftete, Ausgetauschte; das sind schon sehr unterschiedliche Kategorien,auch in der jeweiligen Selbstinszenierung.

    Ich setze nun neue Hoffnungen auf die Aussagen der “Wendekinder/-jugend”. Mal sehen,was dabei herauskommt.Ich hoffe auf Überraschungen.

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