Archive for March 19th, 2008

19th March
2008
written by Tobias Blanken

DIE ZEIT hat zwei Artikel von Josef Joffe freigeschaltet, die sich mit den deutsch-israelischen Beziehungen und dem iranischen Atomwaffenprogramm beschäftigen.

1. Und sie bauen sie doch:

Entwickelt Iran Atomwaffen? Vor wenigen Monaten gab das US-National Intelligence Council Entwarnung. Zu Unrecht.

Wenn Iran, wie der National Intelligence Council behauptet, tatsächlich den Waffenbau eingestellt hätte, warum nimmt es dann lieber weitere Sanktionen in Kauf, als die Hoch-Anreicherung und Schwerwasserproduktion einzustellen – oder zumindest die Anlagen zu öffnen. Dann könnte sich die Welt davon überzeugen, dass das Schwere Wasser nur zu Zwecken der (zivilen) nuklearen Magnetresonanz hergestellt wird. Oder um damit den Stoffwechsel lebender Systeme zu messen.

Ja, warum eigentlich? Bei all den Indizien sollte man die Beweislast endlich umkehren. In den Worten Angela Merkels vor der Knesset: Nicht die Welt muss Iran beweisen, dass der Iran die Atombombe baut. Iran muss die Welt überzeugen, dass er die Atombombe nicht will. Womit wir bei Joffes zweitem Artikel wären.

2. Vom Nutzen der Liebe:

Deutschland und Israel rücken enger zusammen. Das hilft vor allem der Kanzlerin. Ihr Besuch in Tel Aviv stärkt ihre Position in Europa.

Aber Israel? Das Projekt ist umso rätselhafter, als Angela Merkel mit der Freundschaftsgeste zu Hause nicht punkten kann. Bestenfalls verhält sich das befragte Volk neutral. Nur drei Prozent wollen sich »klar« auf die Seite Israels stellen, 91 votieren für strikte Neutralität im Kampf um Palästina.

Nein, Israel ist nicht populär, weder im Volk noch in den Medien, die überwiegend Kritisches, ja Ablehnendes produzieren. Wie unpopulär, das zeigt jene EU-Umfrage von 2003, wonach zwei Drittel der Deutschen Israel als größte Bedrohung des Weltfriedens ausmachten. Nicht Iran, nicht Nordkorea? Eine höhere Prozentzahl gab’s nirgendwo in Europa.

Dieses nirgendwo in Europa ist beschämend. Aber zurück zu ihren Gründen und dem Artikel:

Kein Kanzler hat es deutlicher gesagt als Merkel 2007 vor der UN-Generalversammlung, die kein Hort der Israelverehrung ist. »Die Existenz Israels«, proklamierte sie mit Blick auf die iranische Atombewaffnung, »ist Teil der Staatsräson unseres Landes. Das heißt, die Sicherheit Israels ist für mich niemals verhandelbar.« Berlin werde sich »entschieden für weitere, schärfere Sanktionen einsetzen«.

Warum so undiplomatisch? Lassen wir die Küchenpsychologie beiseite, wonach die Ostdeutsche Kompensation für den offiziellen Antisemitismus der DDR zu leisten wünsche; Außenpolitik ist kein Fall für die Couch. Vielmehr darf man der Kanzlerin unsentimentalen Reparaturbedarf unterstellen, hatte doch Schröder ihr in der Außenpolitik ein windschiefes Haus vererbt: mit zu viel Neigung gen Putin, Chirac und Arabien zulasten von Bush, England und Israel. Merkel hat das Lot angelegt, die Wände in die Senkrechte geschoben.

Lesenswert.