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1st December
2008
written by Tobias Blanken

Gegen die Süddeutsche prozessiert Grass wegen der Behauptung des Blattes, das Dritte Reich habe etwas mit dem “sogenannten Rassismus” zu tun. Er, Grass, wisse ganz sicher, daß dieser “sogenannte Rassismus” eine Erfindung der Amerikaner sei, die sich erst nach dem Zweiten Weltkrieg als “ein weiteres der fundamentalen Verbrechen dieser ruchlosen Nation im letzten Jahrhundert” manifestiert habe.

(Titanic – Günter Grass kurz vor dem Endsieg)

Der mittlerweile einundachtzigjährige Literaturnobelpreisträger war als Siebzehnjähriger für einige Monate bei der Waffen-SS und hatte diese Episode seines Lebens bis zu seiner autobiographischen Erinnerung “Beim Häuten der Zwiebel” verschwiegen. Darüber brechen viele Blogger, Journalisten, Satiriker und Politiker den Stab. Dabei geht ihnen offensichtlich zunehmend ein inneres Koordinatensystem ab, das zu einer zielsicheren Bewertung führt, was eine Nachricht wirklich wert ist.

Dank der Gnade der späten Geburt urteilen die oben zitierten Satiriker der Titanic von einem warmen Schreibtisch in der zentralgeheizten Redaktion über einen Siebzehnjährigen, der im NS-System eine bescheidene Karriere gemacht hat, indem er die unumgänglichen Schulungen nicht mit Abscheu von sich wies! Grass ist tatsächlich brav zur Waffen-SS gegangen, statt heldenhaft den Wehrdienst zu verweigern! Und zwar weil Grass die Waffen-SS in seiner Jugend nach eigenen Angaben „als kosmopolitische [9] Eliteeinheit“ und „die doppelte Rune am Uniformkragen“ als „nicht anstößig“ [10] empfand.

Das Unmaß aller Dinge ist aber der polnische Politiker Lech Wałęsa. Er ist noch nicht einmal ein Deutscher, urteilt aber darüber, wie Deutsche sich verhalten haben sollten. Dabei kann er schon aufgrund seiner Abstammung gar nicht wissen, wie es ist, wenn man als Deutscher in Nazi-Deutschland aufgewachsen ist. Wie schön für Herrn Wałęsa, sich seiner Widerständigkeit in einem System, das er nie erdulden musste, aber wo möglich für den besseren Staat hielt, so sicher zu sein.

Auch ist es nicht verwunderlich, dass die Kampagnenmacher von der CDU/CSU und der Jungen Union harte Kritik üben. Denn die CDU will endlich ungestört mit der DVU koalieren können und zwar bundesweit. CDVU, ick höre dir trapsen. Auch wird munter gemutmaßt, warum Grass “noch” 1944 in die SS eintrat. Als ob damals zu erahnen gewesen wäre, dass die Nazi-Diktatur ein Jahr später besiegt wurde – hier sei nur das Stichwort Wunderwaffe V2 genannt.

Nee, bevor ich über Blockflöten-Tätigkeit, Waffen-SS Mitgliedschaft, Sklavenhalter und andere Scheusale urteile, sollte ich mir die Frage stellen, ob ich selbst in einer vergleichbaren Situation zum Helden getaugt hätte? Ob ich den Versuchungen widerstanden hätte, Privilegien einzustreichen oder meiner Familie Vorteile zu verschaffen? Ob ich auf eine berufliche Karriere verzichtet hätte? Ob ich einem Erpressungsversuch staatlicher Willkür widerstanden hätte?

Absurder Text? Ja, allerdings.

13 Comments

  1. [...] was mit Nationalsozialismus zu tun hat ist ganz einfach: Sie stimmen nie. Das wird jetzt auch Shining City erleben, der meinen Ost-CDU-Text auf WaffenGG gespiegelt hat. Geschmacklos ist es allerdings, in [...]

  2. 02/12/2008

    zu Guenter Grass:

    Drei Elemente loesen die Verurteilung aus:
    1) Grass war als junger Mensch bei der SS.
    2) Er verschwieg diese Tatsache lange Zeit.
    3) In derselben langen Zeit fuehrte er sich als das moralische Gewissen der Deutschen auf.

    Das Weglassen von Element 3) im Text, empfinde ich als tendenziell unaufrichtig.

  3. blogggparty
    02/12/2008

    Dann hätte er einfach darauf verzichten sollen, sich stets und ständig zum linken Gewissen der Nation hochzuschwingen. Sowas schwingt schnell zurück. Punkt.

  4. Tobias Blanken
    02/12/2008

    @ beer7 und blogggparty:

    Selbstverständlich stimme ich euch zu, was Günter Grass betrifft. Mit dem Text wollte ich auch nicht Günter Grass rehabilitieren – Gott bewahre – sondern ihn nur als Aufhänger benutzen, um satirisch drauf hinzuweisen, dass die Argumente zur Rehabilitierung von Diktatur-Mitläufern und Kadern austauschbar sind. Es läuft halt immer darauf hinaus, dass man als Bürger einer offenen Gesellschaft nicht über Kader u.ä. einer Diktatur urteilen dürfte. Ihr wisst schon: Der Ossi, der sich von Wessis in Sachen Stasi-Aufarbeitung nichts sagen lassen will.

    Einfach den beiden Links am Ende des Textes folgen, dann wißt ihr, was ich bezweckt habe. Nächstes mal werde ich mich deutlich ausdrücken.

    @ euckensebe: Ich schreibe meinen Komentar morgen auf dein Blog. Die Zeit reicht jetzt leider nicht mehr.

    Grüße,
    Tobias

  5. DrB
    02/12/2008

    Ein schönes Beispiel, dass man Vergleiche mit der NS-Zeit nicht vorschnell bemühen sollte. Denn ansonsten besteht anscheinend immer die Gefahr, dass “alles raus kommt”, LOL.
    Zu GG ist bereits das Erforderliche notiert worden, zur Bewertung der einzelnen Karrieren noch eine Anmerkung:
    Wer eingesperrt war, und GG und Tillich waren eingesperrt, lädt selbstverständlich weniger Schuld auf sich als bspw. die Mitläufer der Nazis bis 1939.

  6. 03/12/2008

    Naja, aktuell geht die Tendenz eher in Richtung SPSED als in Richtung CDVU, meinste nicht auch?

  7. Tobias Blanken
    03/12/2008

    Ja, mit Sicherheit.

    Trotzdem ist es die Behauptung absurd, dass hinter dem “Kampagnenmacher Nolle” eine gezielte Kampagne der SPD steckt, um bundesweit mit der PDS koalieren zu können. Das grenzt schon an Verschwörungstheorien.

    Die CDU hat halt ein Problem mit ihren Blockflöten – und solang sie sich nicht selbst damit ernsthaft auseinandersetzt – anstelle die Probleme zu ignorieren, verharmlosen etc. pp. – hat sie es sich selbst zuzuschreiben, dass a) das Problem weiter besteht und b) die Aufarbeitung von Außen betrieben wird. Und um die Kritik von Außen zum Schweigen zu bringen wird halt lustig drauf los diffamiert: Derr Kritiker ist Wessi, wer weiss, vielleicht hielt er ja die DDR für das bessere Deutschland und außerdem geht es ja um eine gezielte Kampagne der SPD um mit der PDS zu koalieren.

  8. DrB
    04/12/2008

    Kampagnencharakter könnte gegeben sein, vgl. auch:
    http://www1.mdr.de/sachsen/5956398.html
    Aufgezäumt wurde die Sache von einem gewissen Karl Nolle (Landtagsabgeordneter, SPD).

    Aber es geht natürlich nur vordergründig um Tillich und eigentlich darum, wie die Übernahme der Blockflöten pol. zu bewerten ist.
    Diese Diskussion gab es bereits 1992 (wenn ich mich recht erinnere) und sie flackerte immer wieder neu auf.
    Die Übernahme der Blockflöten war natürlich verlockend und wurde anfänglich, also zur Zeit der Übernahme, in den Medien unkritisch gesehen, und eher positiv begleitet.
    Aus meiner Sicht wäre eine Neugründung bspw. der CDU im Osten sehr schwierig gewesen (u.a. weil es ja die Blockflöten-CDU gab).

    “Kampagne” scheint hier durchaus das Fachwort zu sein.

  9. DrB
    08/12/2008
  10. Tobias Blanken
    08/12/2008

    Sagen wir so: Er hat seine Vergangenheit mit viel Kreativität dargestellt.

    Was wäre denn gewesen, wenn er von vornherein reinen Tisch gemacht hätte? Wenn er nicht rumgetrickst hätte? Und wenn die CDU offensiv mit ihrer Blockflöten-Problematik umgegangen wäre? – Dann wäre das Thema jetzt gegessen. Allein wegen einer Blcokflöten-Vergangenheit kann man keinem CDU-Politiker keinen Strick drehen, aber wenn mit der Blcokflöten-Vergangenheit so umgegangen wird wie es in der Usus in der Ex-SED ist, dann schon. Denn dann verliert man jede Glaubwürdigkeit und jedes Vertrauen.

  11. DrB
    09/12/2008

    Was sollte die CDU denn sagen?
    “Wir übernehmen die Flöten, weils effizienter ist.”?
    Ne, is alles nicht so einfach.
    Tillich war vermutlich auch “praktisch”.
    So verliert man keineswegs “jede Glaubwürdigkeit und Vertrauen” (hört sich auch ziemlich pharisäerhaft an).

  12. [...] von Herrn Tillich: Der eine gestaltete noch 1989 als Funktionär einer der fünf staatstragenden sozialistischen [...]

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