Evelyn Finger rezensiert in der ZEIT Corpus Delicti von Juli Zeh:
Juli Zeh stellt sich den Staat als Gesundheitsdiktatur vor. In ihrer scharfsinnigen Zukunftsvision “Corpus Delicti” ist der perfekte Körper das höchste Gut.
Alles beginnt mit einem weiten Kameraschwenk über die stille Oberfläche des Planeten, wie er Mitte dieses Jahrhunderts vielleicht aussehen wird. Saubere Städte, umrankt von sauberer Natur und geputzten Industrieruinen. Solaranlagen neben Magnetbahntrassen. Geflutete Tagebaue, deren glatte Oberflächen den entgötterten Himmel spiegeln. Nur Google Earth blickt noch aus der Vogelperspektive auf die Schöpfung herab, und wenn man näher ranzoomt, landet man in einem deutschen Amtsgericht, das soeben einen Fall nachlässiger Gesundheitsvorsorge verhandelt. Eine junge Frau namens Mia Holl hat ihren »Schlafbericht« nicht eingereicht, ihren Blutdruck nicht gemessen und ihre sportliche Leistungskurve absacken lassen. Wegen dieser Pflichtvergessenheit gegenüber sich selbst, die eine Schlamperei gegenüber der Gemeinschaft ist, weil das Selbst als deren kleinste Funktionseinheit ständiger Kontrolle bedarf, wird die Delinquentin zunächst verwarnt.
Mehr in der ZEIT: Das Buch der Stunde.
Aus der Besprechung:
“Corpus Delicti erzählt von der Zurichtung des privaten Körpers im Namen eines Staatskörpers.”
Mag schon sein, aber dieses Wort hat Christian Klar in die politische Debatte gebracht. Die Rezensentin hat sich vielleicht nichts dabei gedacht, trotzdem ist es unangenehm, ihm jetzt öfters zu begegnen. Nach wie vor holen sich die Bartels des bürgerlichen Feuilletons ihren Most aus schmuddeligen Kellern – sie können einfach nicht anders, alte Gewohnheiten.
Ganz vergessen: ich meinte “Zurichtung” – politisch auf Menschen bezogen.
Das mit dem Blutdruck ist echt eine difiziele Sache und bei der Absenkung der Idealwerte steckt vermutlich auch die Pharma-Industrie dahinter.