Kleinbloggersdorf

21st June
2010
written by Tobias Blanken

Feeds!

Vor einiger Zeit habe ich die Feed-Funktion des Blogs äußerst erfolgreich zerschossen. Worauf mich erstaunlich viele Leser hingewiesen haben, was mich natürlich auch ein wenig gefreut hat. Resonanz! Weniger erfreulich gingen dagegen meine Versuche aus, das technische Unheil wieder zu beseitigen. HTML ist bekanntlich die Sprache des Antichristen. Mindestens.

Dankenswerterweise hat Daniel Fallenstein mich heute darauf hingewiesen, dass einige Subfeeds weiterhin funktionieren. Was wiederum – nach einigen Bastelversuchen – einen vollständigen Feed via Feedburner ermöglichte. Die Lösung ist zwar nicht besonders elegant, aber sie funktioniert technisch einwandfrei.

Kurz und gut: Den Feed dieses Blogs kann man jetzt hier abonnieren.

Die Lesempfehlungen aus der Sidebar kann man weiterhin direkt bei Delicious abonnieren, außerdem werden Blogeinträge, Leseempfehlungen und ein Haufen Nebensächlichkeiten auch regelmäßig von mir getwittert.

Weitaus wichtiger als alle Feeds dieser Welt: Es ist Sommeranfang. Vergesst das langweilige Internet, all die redundanten Feeds und genießt lieber das gute Wetter, der nächste Winter kommt bestimmt!

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17th March
2009
written by Tobias Blanken
14th December
2008
written by Tobias Blanken

Ich kann gar kein Antisemit sein, denn ich bin Semit.

(Jamal “die allmächtige zionistische Lobby” Karsli)

Letzte Woche dachte ich ja noch, dass diese verquere Logik nicht mehr zu toppen ist. Aber da habe ich mich wohl geirrt. Auch dachte ich immer, dass die Selbstinszenierung von nationalistischen und revanchistischen Österreichern, die ihr Land als “erstes Opfer des Nationalsozialismus” darstellen, an Absurdität nur schwer übertroffen werden kann.

Aber dann bin ich über diesen Artikel in der Readers Edition gestolpert, in dem der Leser erfahren kann, dass a) der normale Deutsche natürlich – niemals – ein Antisemit gewesen ist und b) der Holocaust eigentlich dem deutschen Volk gegolten hat. Selbstverständlich haben es die Juden auch zu verantworten, wenn man sie anstelle der Deutschen vernichtet hat – schließlich haben sie durch ihren “Absolutheitsanspruch” den Nazis ein ideales Motiv gegeben. Aber lassen wir die Readers Edition doch einfach zu Wort kommen:

Ich persönlich glaube nicht, dass der normale Deutsche jemals einen Konflikt mit Semiten hatte, gestern nicht und heute auch nicht. Spätere und neue Aufarbeitungen des Holocaust jedoch werden zeigen, dass die Vernichtung der Juden im Dritten Reich, nichts weiter waren, als ein übliches diktatorische Mittel der Freundfeindaufteilung über die Vogelfreierklärung einer Minderheit im eigenen Land.

Besonders geeignet hierfür war die jüdische Religion mit ihrem Anspruch auf den wahren Gott. Denn sie besagt: Wer kein Jude ist, ist ungläubig. Hier besteht Absolutheitsanspruch. Die Nationalsozialisten haben dies geschickt verwendet, um ihr eigenes Volk zu unterdrücken, insoweit, als sie vermittelten: bist du gegen uns, dann geht es dir wie den Juden.

Und, wozu diese geistigen Verrenkungen? Genau: Die armen, unschuldigen Deutschen werden unterdrückt, damit die Juden weiterhin die “semitischen Araber” diskriminieren können: Besonders brisant wird die Auslegung des Begriffs Antisemitismus neuzeitlich in Bezug auf die Juden in Israel werden, hinsichtlich semitischen Araber die dort ganz offensichtlich diskriminiert werden. Hier werden die Juden an einen Konflikt zwischen Vergangenheit und Gegenwart stoßen, der zeigen wird, dass Antisemitismus kein dauerhaftes Schuldgefühlprogramm ist, das man den Deutschen auf ewig unterstellen kann. Die National-Zeitung und Jamal Karsli hätten es nicht besser formulieren können.

1st December
2008
written by Tobias Blanken

Gegen die Süddeutsche prozessiert Grass wegen der Behauptung des Blattes, das Dritte Reich habe etwas mit dem “sogenannten Rassismus” zu tun. Er, Grass, wisse ganz sicher, daß dieser “sogenannte Rassismus” eine Erfindung der Amerikaner sei, die sich erst nach dem Zweiten Weltkrieg als “ein weiteres der fundamentalen Verbrechen dieser ruchlosen Nation im letzten Jahrhundert” manifestiert habe.

(Titanic – Günter Grass kurz vor dem Endsieg)

Der mittlerweile einundachtzigjährige Literaturnobelpreisträger war als Siebzehnjähriger für einige Monate bei der Waffen-SS und hatte diese Episode seines Lebens bis zu seiner autobiographischen Erinnerung “Beim Häuten der Zwiebel” verschwiegen. Darüber brechen viele Blogger, Journalisten, Satiriker und Politiker den Stab. Dabei geht ihnen offensichtlich zunehmend ein inneres Koordinatensystem ab, das zu einer zielsicheren Bewertung führt, was eine Nachricht wirklich wert ist.

Dank der Gnade der späten Geburt urteilen die oben zitierten Satiriker der Titanic von einem warmen Schreibtisch in der zentralgeheizten Redaktion über einen Siebzehnjährigen, der im NS-System eine bescheidene Karriere gemacht hat, indem er die unumgänglichen Schulungen nicht mit Abscheu von sich wies! Grass ist tatsächlich brav zur Waffen-SS gegangen, statt heldenhaft den Wehrdienst zu verweigern! Und zwar weil Grass die Waffen-SS in seiner Jugend nach eigenen Angaben „als kosmopolitische [9] Eliteeinheit“ und „die doppelte Rune am Uniformkragen“ als „nicht anstößig“ [10] empfand.

Das Unmaß aller Dinge ist aber der polnische Politiker Lech Wałęsa. Er ist noch nicht einmal ein Deutscher, urteilt aber darüber, wie Deutsche sich verhalten haben sollten. Dabei kann er schon aufgrund seiner Abstammung gar nicht wissen, wie es ist, wenn man als Deutscher in Nazi-Deutschland aufgewachsen ist. Wie schön für Herrn Wałęsa, sich seiner Widerständigkeit in einem System, das er nie erdulden musste, aber wo möglich für den besseren Staat hielt, so sicher zu sein.

Auch ist es nicht verwunderlich, dass die Kampagnenmacher von der CDU/CSU und der Jungen Union harte Kritik üben. Denn die CDU will endlich ungestört mit der DVU koalieren können und zwar bundesweit. CDVU, ick höre dir trapsen. Auch wird munter gemutmaßt, warum Grass “noch” 1944 in die SS eintrat. Als ob damals zu erahnen gewesen wäre, dass die Nazi-Diktatur ein Jahr später besiegt wurde – hier sei nur das Stichwort Wunderwaffe V2 genannt.

Nee, bevor ich über Blockflöten-Tätigkeit, Waffen-SS Mitgliedschaft, Sklavenhalter und andere Scheusale urteile, sollte ich mir die Frage stellen, ob ich selbst in einer vergleichbaren Situation zum Helden getaugt hätte? Ob ich den Versuchungen widerstanden hätte, Privilegien einzustreichen oder meiner Familie Vorteile zu verschaffen? Ob ich auf eine berufliche Karriere verzichtet hätte? Ob ich einem Erpressungsversuch staatlicher Willkür widerstanden hätte?

Absurder Text? Ja, allerdings.

23rd November
2008
written by Tobias Blanken

Alright, we got white pussy, black pussy, spanish pussy, yellow pussy. We got hot pussy, cold pussy. We got wet pussy. We got smelly pussy. We got hairy pussy, bloody pussy. We got snapping pussy. We got silk pussy, velvet pussy, naugahyde pussy. We even got horse pussy, dog pussy, chicken pussy.

(Cheech Marin – From Dusk Till Dawn)

Steige gerade von meinem Firefox-Feedreader auf den Google Reader um. Bin bisher recht zufrieden; das Importieren von Feeds ist sehr komfortabel, man kann sehr einfach Kategorien (z.B. öffentlich – privat) verteilen und Empfehlungen von Freunden lesen. Ok, die Empfehlungen von Freunden haben mir etwas Angst gemacht, da meine Lieblingsdatenkrake Google gleich zu Beginn 172 Empfehlungen von Freunden angezeigt hat – dem Googlemail-Adressbuch sei Dank.

Beim Importieren habe ich ein wenig an den Feeds rumgespielt und mich gewundert, was bei Feeds so alles geht und was alles noch nicht geht. Bei WordPress war ich überrascht, wie individuell man die Abonnements gestalten kann. Einfach nur ein &feed=rss hinter die jeweilige URL anhängen und man hat den Feed. Vollkommen egal, ob es sich um eine Kategorie oder einen Tag oder was auch immer handelt. Man lernt ja nie aus.

Bei der ZEIT kann man – die Funktion ist richtig schön tief versteckt – die Feeds einzelner Autoren abonnieren. Z.B. die von Josef Joffe, Jörg Lau oder Jürgen Krönig. Bei der New York Times gibt es die Funktion auch. Habe mir erstmal William Kristol und Thomas L. Friedman abonniert.

Was mich aber gewundert hat: Diese Funktion gibt es bei anderen Nachrichtenseiten nicht. Dachte mir: Das einzig lesenswerte von SPIEGEL ONLINE sind die Artikel von Claus Christian Malzahn und Reinhard Mohr. Aber eine simple Autoren-Abonnement-Funktion ist bei SPIEGEL ONLINE nicht vorgesehen. Ähnlich sieht es bei der WELT aus. Die Usual Suspects Posener, Herzinger und Stein kann man nicht abonnieren. Dabei sehen sich beide Seiten mit ihren überbordenden Kommentarfunktionen als Web 3.0 (mindestens) Vorreiter. Ähnlich sieht es beim Commentary, beim Weekly Standard und den Foreign Affairs aus. Schade.

21st November
2008
written by Tobias Blanken

Deswegen das Abstimmverfahren zu aendern ist das gekraenkte Verhalten eines schlechten Verlierers, aber das kennen wir, das Volk, ja schon von der EU-Verfassung.

(dagny t beim antibuerokratieteam.net)

Das antibuerokratieteam schätz ich eigentlich sehr. Die meisten Artikel sind sauber geschrieben, sie vertreten im Normalfall eine liberale Position und sind dabei auch noch amüsant. Aber manchmal verzapfen sie auch Unsinn. Irren ist menschlich; Fehler sind unvermeidbar etc. pp.. Heute war es mal wieder so weit. Man hat sich auf dem in der Blogosphäre so beliebten Schäuble-Bashing versucht und dabei über das Ziel hinausgeschossen.

Man hielt Schäuble vor, dass er die Abstimmungsmodalitäten im Bundesrat nur aus seiner Gekränktheit heraus ändern wollte. Und um sich eine Mehrheit für das BKA-Gesetz zu zimmern. So weit, so schwach – aber diskutabel. Ich für meinen Teil halte die Änderung für sinnvoll, da jede Koalitionsregierung auf Länderebene im Koalitionsvertrag festschreibt, dass sie sich bei kontroversen Gesetzen im Bundesrat enthält. Und bei den bisherigen Abstimmungsregeln ist eine Enthaltung einem Nein gleichzusetzen. Und in einem 5-Parteiensystem mit all ihren unterschiedlichen Koalitionen auf Länderebene führt dies unweigerlich dazu, dass die Parlamentsmehrheit im Bundestag nur noch mit minimaler Wahrscheinlichkeit auch eine Mehrheit im Bundesrat hinter sich hat. Selbst bei einer großen Koalition reicht es jetzt ja schon nicht mehr – wie sollte es da erst bei Rot-Grün oder Schwarz-Gelb sein.

Durchaus diskutabel. Aber: Beim Schäuble-Bashing kommen auch die unangenehmen Nebenerscheinungen der Blogosphäre hervor. Selbst Liberale versuchen sich dann gerne in dem allseits beliebten (besonders unter Autoren mit Pseudonym) Stammtisch-Gewetter von “denen da oben”, denen “man es mal richtig geben will”. Das allseits bekannte Schäuble Derangement Syndrome zeigt seine hässliche Visage.

Und dabei entblödet man sich nicht, Rousseaus Volonté générale aus der vortotalitären Mottenkiste herauszuholen. “Wir, das Volk” ist ja schon eine Zumutung – als letztmalig lauthals das Kollektiv abgefeiert wurde und in der halben Zone ein “wir sind das Volk” erscholl wurde flugs ein Exempel an denen statuiert, die nicht zum Kollektiv gehören sollten. Rostock-Lichtenhagen lässt grüßen. Noch fieser – und entschieden illiberaler – als ein “wir sind das Volk” ist die Vorstellung, dass Menschenkollektive wie ein Individuum fühlen und denken (“aber das kennen wir, das Volk”) könnten. Das ist der Volonté générale in all seiner Verachtung des Individuums in Reinform. Und sowas steht einem liberalen Blog denkbar schlecht. So wie jedes “wir” und “die da oben” Gewetter.

20th November
2008
written by Tobias Blanken

Digital Design students have done it again: a team-made motion design infographic about blogging culture in Iran has just been written up on Motionographer! Iran: A Nation of Bloggers explores how the digital world allows many Iranians access to ideas and freedom of expression they haven’t had for close to thirty years.

(Vancouver Film School (via))


Iran: A nation of bloggers from Mr.Aaron on Vimeo.

23rd September
2008
written by Tobias Blanken

Vielfalt, die sich nicht zur Einheit ordnet, ist Verwirrung. Einheit, die sich nicht in Vielfalt gliedert, ist Tyrannei.

(Blaise Pascal)

In den letzten Tagen sind in der liberalen Blogosphäre viele Artikel rund um den Anti-Islamisierungs-Kongress erschienen. Etwa hier, hier und hier. Selbst die Antideutschen lassen es sich nicht nehmen und nehmen die linksextremen Gegendemonstranten aufs Korn. Etwa hier, hier und hier. Allesamt lesenswert; man schießt nach links, rechts und ins islamistische Milieu.

Natürlich macht auch die Achse beim Spektakel mit (naja, in die Rechte schießt man dort nicht). Macht halt richtig Spaß, wenn man der “Kölner-Antifa” gemeinsam verbal ans Bein pissen kann. Soweit, so gut. Und auch richtig, denn die meisten Argumente gegen die Kölner Antifa treffen ins Schwarze. Trotzdem bleibt ein sehr fader Nachgeschmack zurück. Die letzte Antifa-Sau, die durch das liberale Klein-Blogdorf getrieben wurde, war die Antifa-Debatte.

Und dort hat Michael Holmes dafür mächtig Prügel kassiert, dass er die Antifa als linksextrem, demokratiefeindlich und gewalttätig beschrieben hat. Ja, wie kann man denn nur die Antifa kritisieren! Auf der Achse hat man seinen Text u.a. mit der Begründung gelöscht, dass sie “diesen Text grundsätzlich nicht sehr passend für achgut.de [fanden]. 99 Prozent unserer Leser kennen weder die “Antifa” noch die Zitierten.” Er war also so redundant, dass man auch auf die Freedom of Speech scheißen könnte.

Naja, das ist wohl der Schnee von gestern. Heute ist das Außenseitertum in der Mitte der Gesellschaft der Blogosphäre angekommen. Der Early Adopter hat sich derweil verzogen und schreibt woanders. Und zwar hier. Unbedingt lesenswert.

8th April
2008
written by Tobias Blanken

Der Künstler war vom Massenmörder geradezu besessen. Er machte den größten Verbrecher des 20. Jahrhunderts zur berühmtesten Ikone der Pop-Art. Heute muss jedes Kunstmuseum wenigstens einen Adolf Hitler von Andy Warhol haben.

Und dies auch noch im Deutschlandradio Kultur. Dr. Clemens Heni, bitte übernehmen!

Jetzt mal ernsthaft: Natürlich darf Posener Mao mit Hitler vergleichen, ohne sich den Vorwurf der Verharmlosung der NS-Verbrechen einzuhandeln. Was natürlich kein Persilschein für die “der Holocaust, die Indianer, Kain und Abel und der Fußpilz” (Lars Rensmann) Fraktion beinhalten sollte. Gibt ja schließlich immer noch die Frage danach, was verglichen wird. Und wie. Und wo der Erkenntnisgewinn liegen soll. Und, vor allem: Worin die Intention liegt.

Beispiel: Daniel Jonah Goldhagen vergleicht mit den Worten „aber Nazismus ist die korrekte Bezeichnung und der einzige Bezugsrahmen für politischen Islam” Nazis mit Islamisten. In seiner Argumentation spielt der Antisemitismus eine zentrale Rolle – obwohl Islamisten bis zum heutigen Tag Juden im 5-stelligen Bereich getötet haben. Und eben nicht 6 Millionen. Trotzdem argumentiert Goldhagen auf einer anderen Ebene als die notorischen Neonazis, die bei Dresden sofort wie Pawlowsche Hunde “Bombenholocaust, Bombenholocaust” durch die Gegend grölen. Und in Dresden sind auch Menschen im 5-stelligen Bereich getötet wurden.

Niemand – naja, sagen wir fast niemand, gibt ja schließlich noch das Palästina-Portal – würde hier widersprechen. Goldhagen hat schließlich einen Punkt: Die Islamisten von Hamas, Hisbollah etc. ticken ähnlich wie die Nazis. Und wenn sie die Möglichkeit hätten (also wenn es die IDF nicht geben würde), dann würden sie es den geistesverwandten Nazis gleichtun. Wobei man natürlich einwenden sollte, ob andere Vergleiche nicht sinnvoller wären. Dritter Totalitarismus, neuer Totalitarismus, Islamobolschewismus, Islamofaschismus etc., weil in diesen Bezeichnungen ein höherer Erkenntnisgewinn liegen könnte.

Apropos Faschismus: In der Linken und in weiten Teilen der Welt wird dieser Terminus ohne weiteres Nachdenken benutzt. In der Benutzung des Wortes wird meistens (gibt bedeutende Ausnahmen, etwa Hannah Arendt) davon ausgegangen, dass man das NS-Regime mit dem faschistischen Italien und dem faschistischen Spanien gleichsetzen könnte. Eine Typologie macht schließlich nur dann Sinn, wenn die Gemeinsamkeiten größer als die Differenzen sind. Was ich in diesem Fall bezweifeln würde. In Spanien und Italien hatte man dreckige Diktaturen, die man durchaus auch mit Waffengewalt hätte beseitigen können. Aber: Sind diese Diktaturen mit dem NS-Regime vergleichbar? Gab es einen totalitären Anspruch (ja, den gab es, Mussolini hat schließlich den Begriff des Stato totalitario geprägt)? Aber wurde er auch verwirklicht? Was ist mit den Konzentrationslagern, dem eliminatorischen Antisemitismus? Dem Wahn nach Weltherrschaft? Die Typologie führt m.E. in die Irre, in ihr könnte das NS-Regime tatsächlich verharmlost werden – die DDR lässt grüßen – aber es kann auch immer ein Mittel zum Zweck sein, um die Merkmale des NS-Regimes herausarbeiten zu können. Schwierige Frage, aber sie verdeutlicht die Grundproblematik des Vergleichs.

Zurück zu Posener: Wer kennt auch nur eines der 70 Millionen Opfer Maos beim Namen? Die Zahl von 70 Millionen Opfern hat er vermutlich aus dem Buch Mao. Das Leben eines Mannes, das Schicksal eines Volkes. 70 Millionen Tote allein in Friedenszeiten. Andere Forscher sind zurückhaltender, was die Opferzahlen betreffen. Da ist dann von 20 oder 30 Millionen nachweisbaren Toten die Rede. Zum Vergleich: Das NS-Regime hat 20 Millionen Tote zu verantworten, die nicht durchs Kriegsrecht gerechtfertigt sind. Der vom NS-Regime verursachte und begonnene 2. Weltkrieg hat vermutlich 55 Millionen Menschen das Leben gekostet.

Womit auch ich das NS-Regime mit Maos Regime verglichen habe. Was kann denn noch schlimmer sein, hä? Jehova! Jehova! Jehova! Aber womit sollte man denn sonst die Höhe der Leichenberge vergleichen? Mit den Bolschewisten? Ja, allerdings. Und, weiter? Da bleibt nur noch das NS-Regime über. In der absoluten Zahl der Toten sind nur diese drei Regime vergleichbar. Und Maos Regime kann vermutlich den Anspruch für sich reklamieren, für den höchsten Leichenberg der Menschheitsgeschichte verantwortlich zu sein.

Womit wir bei der Dimension der durch die chinesische KP verbrochenen Verbrechen wären. Die Partei hat gewütet, gemordet, Hungersnöte ausgelöst, hat Kinder in der Kulturrevolution dazu gebracht, ihre Eltern zu verpfeifen. Apropos Kulturrevolution: Wie wurde der Kampf gegen die Vier alten Dinge (kapitalistisch, feudal, reaktionär oder revisionistisch) doch von den linksextremen APO-Studenten glorifiziert. Sprechchöre wie “der Feind verfault mit jedem Tag, während es uns täglich besser geht” oder “für alles Reaktionäre gilt, dass es nicht fällt, wenn man es nicht niederschlägt” fand man besonders einfallsreich – Jürgen Domes Forschungen zu der mörderischen Realität nahm man bestenfalls nicht zur Kenntnis, im Normalfall hat man ihn als Antikommunisten (böse, böse!) bezeichnet, womit sich auch die Auseinandersetzung mit den Schrecken erledigt hatte.

Und die KP hat nicht nur in der VR China gewütet. Was ist denn bitte mit dem Koreakrieg? Schon vergessen? Nee, natürlich nicht. Irgendwie lernt ja jeder deutsche Schüler, dass die bösen kriegstreibenden Amis dort einen weiteren sinnlosen Krieg geführt haben. In dieser Mischung von Antiamerikanismus und grenzenlosem Pazifismus hätte man zwar zu den Koreanern Give up your dreams of freedom because to save our own skins, we’re willing to make a deal with your slave masters gesagt, aber grenzenlose Immoralitäten haben die Pazifisten bekanntlich noch nie sonderlich beeindruckt. Ebensowenig wie Fakten.

Wer war denn bitte der Aggressor in Korea? Doch wohl ehr die nordkoreanischen Streitkräfte, ihre Verbündeten aus der VR und die verschiedenen paramilitärischen kommunistischen Gruppen. Oh ja, die VR China, selbst bei Wikipedia findet sich zu Mao folgendes: …griff die Volksrepublik China am 1. Januar 1951 in einer Offensive die UNO und die südkoreanischen Truppenverbände an. Der Angriff wurde von etwa 1 Million Mann in einer kalten Nacht [...] durchgeführt. [...] Dieser militärische Erfolg nach 100 Jahren der Machtlosigkeit gegenüber ausländischen Invasoren galt als einer der wichtigsten Erfolge Maos. Allerdings muss man [...] bedenken, dass Mao in diesem Krieg die „Taktik der Menschenwelle“ anwendete: Enorm viele Soldaten mit mangelhafter Bewaffnung und quasi ohne Ausbildung rannten so lange gegen die feindlichen Linien an bis dem Gegner die Munition ausging.

Die APO-Studenten fanden sowas natürlich klasse, denn Mao hat den Amis damit im Gegensatz zu ihrer eigenen Nazi-Looser-Vätergeneration zumindest ein Patt am 38. Breitengrad abgetrotzt. Dieser 38. Breitengrad in Korea ist bis heute die Grenze zwischen freier Welt und kommunistischer slave master Gesellschaft. Die unterernährten, unterdrückten Nordkoreaner können sich hierfür nicht nur bei Mao “bedanken”, sondern bei der chinesischen KP bis heute – denn diese ist noch immer Schutzmacht des nordkoreanischen Regimes. Genauso wie sie Schutzmacht des Regimes in Birma ist.

Oh ja, die Liste der Verbrechen der chinesischen KP ließ sich fast endlos fortführen. Wer stand doch gleich hinter Pol Pot und den Khmer Rouge? Wer wollte die Sowjetunion während der Kubakrise zum Einsatz der Atomwaffen drängen? Wer bedroht ständig die Existenz von Taiwan? Wer betätigt sich derzeit in Afrika als großer Bruder aller kleinen und großen Diktaturen und unterminiert damit sämtliche menschenrechtlichen Mindeststandards?

Allein die Rolle der VR China in Darfur rechtfertigt schon die Bezeichnung Völkermordspiele für die Olympischen Spiele 2008. Eric Reeves vergleichte gar die Rolle von Steven Spielberg 2008 mit der von Leni Riefenstahl 1936. Jehova! Jehova! Jehova! Womit wir wieder beim Thema wären: Ja, man darf vergleichen. Aber man sollte schon schauen, was verglichen wird. Und wo die Intention liegt.

Ja, der Dalai labert. Auch war Tibet vor der Annexion durch die VR kein Paradies der Freiheit und Demokratie. Aber: Man will doch wohl nicht ernsthaft die Verbrechen Tibets mit der Schreckensbilanz der VR vergleichen. Oder gar damit die Unterdrückung in Tibet und den Einsatz der VR-Kräfte rechtfertigen und beschönigen. Oder etwa doch?

Ein ziemlich absurdes Vorgehen. Erinnert frappant an die Glorifizierung der Kulturrevolution durch die APO. “Für alles Reaktionäre gilt, dass es nicht fällt, wenn man es nicht niederschlägt” lässt grüßen. “Feudal” und “reaktionär” erleben trotz des Muffes von 40 Jahren eine neue Renaissance. Die Intention kommt mir auch seltsam bekannt vor. Erinnert an die Leute hierzulande, die bei “Verbrechen” und “zweiter Weltkrieg” wie Pawlowsche Hunde “Dresden, Dresden, Dresden” rufen.

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