Posts Tagged ‘68er’

25th June
2009
written by Tobias Blanken

A “flip-flop” (used mostly in the United States) or a U-turn (used in the United Kingdom) is a sudden real or apparent change of policy or opinion by a public official, sometimes while trying to claim that both positions are consistent with each other.

(Wikipedia)

Der Rudi-Dutschke-Gedächtnis-Verein springt nun auch auf den fahrenden Zug auf.

Siehe auch: Wie die Mullahs einmal beinahe richtig Ärger bekommen hätten (Titanic).

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6th December
2008
written by Tobias Blanken

Diese Weltoffenheit ist verschwunden und bis heute weg. Der amerikafreundliche Impuls war schon zu Beginn der 60er-Jahre Geschichte, als Fraenkel, dessen Lehrstuhl ich dann übernahm, das Kennedy-Institut gründete. Die Studenten interessierten sich damals nicht mehr wirklich für Amerika. Und dann kam eben 1968, und die Stimmung kippte vollends um.

(Arnulf Baring)

DIE WELT hat ein Gespräch mit Klaus Schütz, Udo Knapp, Thea Dorn und Arnulf Baring anlässlich des 60 Geburtstages der FU geführt: Heute feiert die Freie Universität Berlin ihr 60-jähriges Bestehen. Ein Gespräch über das Besondere, das Verlorene und das Grauenvolle einer berühmt-berüchtigten Bildungsstätte. Und die ZEIT widmet der Person hinter der Matrikelnummer 1 einen Artikel: Wie Stanislaw Kubicki vor 60 Jahren mit Kommilitonen die Freie Universität Berlin gründete und ihr allererster Student wurde.

24th May
2008
written by Tobias Blanken

In der FAZ findet sich ein Gastbeitrag von Brigitte Zypries über den Wandel der Bundesrepublik rund um die Chiffre 1968, der mich positiv überrascht hat. Normalerweise hat man es ja immer mit der typisch deutschen Dialektik zu tun: Diejenigen, die damals am lautesten gegen die Scheißliberalen gehetzt haben, beanspruchen ausgerechnet die Liberalisierungen rund um die Jahreszahl für sich – was Ralf Dahrendorf in einem taz-Interview mit dem treffenden Satz Der Minirock wurde nicht 1968 erfunden! kurz und knapp zurückgewiesen hat. Den Konservativen unterläuft dabei der selbe Fehler wie den Linksradikalen: Auch sie machen Dutsche, Rabehl, Mahler und die APO für die Liberalisierungen (der Werteverfall!) verantwortlich.

Zypries:

Sein Inhalt wurde damals maßgeblich von einem Mann geprägt, der vor allem an Lebensjahren ein 68er war: Gustav Heinemann, vor 40 Jahren mein Vorgänger im Amt des Bundesjustizministers. „Das Kleid unserer Freiheit sind die Gesetze, die wir uns selber gegeben haben“, so hatte Heinemann einmal sein Rechtsverständnis formuliert. Seit seinem Amtsantritt 1966 arbeitete er vehement dafür, die deutsche Freiheit wieder zeitgemäß zu kleiden.

Alle drei Reformprojekte – Nichtehelichenrecht, Sexualstrafrecht und politisches Strafrecht – wurden von der Großen Koalition beschlossen. Wer heute glaubt, die politische Modernisierung der alten Bundesrepublik habe erst mit den Ereignissen des Jahres 1968 begonnen, überschätzt die Bedeutung der Studentenbewegung.

Mehr Selbstbestimmung und weniger staatliche Bevormundung [sic!], keine kritiklose Hinnahme von Autoritäten, sondern bürgerschaftliches Engagement in der Demokratie und nicht zuletzt mehr Rechte für die Frauen in unserer Gesellschaft – all dies sind Folgen des politischen Aufbruchs, für den ‘68 eine Chiffre bleibt, auch wenn er weit darüber hinaus reicht.

Den ganzen Artikel Das Kleid unserer Freiheit gibt es hier in der FAZ.

30th March
2008
written by Tobias Blanken

Auf dem Onlineangebot von der DIE ZEIT gibt es regelmäßige Videobeiträge von Gero von Randow. Der Plot ist denkbar simpel: Der Chefredakteur von ZEIT-online geht in sein Büro, setzt sich an seinen Schreibtisch und palavert ein wenig über die politische Großwetterlage. Im Hintergrund sieht man ein Poster von einem der miesesten Ramones-Alben; Randow selbst gibt sich im Folgenden immer äußerst nonchalant. Einerseits. Andererseits. Nette, ehr belanglose Unterhaltung.

Beim letzten Beitrag über Fitna und dem Vorwurf an die 68er, sie würden sich doch ehr wie ihre Vätergeneration benommen haben, verlässt er dieses Schema ebenfalls nicht. Was ich mich nach dem Beitrag jedoch gefragt habe: Ist Gero von Randow ein heimlicher Fan von Ivo Bozic? Die Mothers of Reaction kamen mir seltsam bekannt vor, auch von Randows trotz-all-dem-Mist-Springer-war-ein-Bollwerk-gegen-den-Antisemitismus habe ich in ähnlicher Form schon mal gelesen . Whatever. Mit seinem 68er Fazit – alles Gute an 68 kam letztendlich aus Amerika – kann ich sehr gut leben. Wie gesagt: Nonchalant, aber trotzdem ehr nett. So wie dieser Blogbeitrag.

28th February
2008
written by Tobias Blanken

Die taz arbeitet sich an Götz Alys Unser Kampf ab. Am 18. Februar wurde eine Rezension von Stefan Reinecke abgedruckt, die stärker an ein Gutachten eines Gerichtspsychologen (”Unser Kampf ist das Buch eines Renegaten, daher der Hang zur Überkompensation”, “Kann es sein, dass hinter dieser stets in Oberlehrerton vorgetragener Verachtung für seine Generationsgenossen ein bisschen Selbstverachtung steckt? Oder gar Neid auf die “Postenjägervereine” (Aly), die es zu Unikarrieren brachten?”) als an eine Buchrezension erinnert.

Am 23. Februar erschien dann eine zweite Rezension. Habe erwartet, dass die taz Aly nun endgültig als Psychopathen darstellt, der nur dank Springer (”Springer! Chrr! Springer!”) noch nicht in der Klapse gelandet ist. Oder die taz würde sich ein Beispiel an der FR nehmen und den APO-Opis vom Rudi-Dutschke-Traditionsverein Platz einräumen, damit diese den Muff von 40 Jahren (”Wir sind die Guten”, “bundesdeutsche Restauration nach ‘49″, “Cambridge!” etc.) erfolgreich unters Volk bringen können.

Aber ich habe mich getäuscht. Jan Feddersen hat für die taz eine Rezension geschrieben, die Alys Thesen nicht gleich als Werk eines Irren aufgebracht zurückweist, sondern sich ernsthaft auf die Inhalte einlässt. Es ist sicher nicht die Buchrezension des Jahres, aber sie ist – und das hätte ich bei dem Thema und der taz nicht erwartet – diskutabel. Das Fazit fällt folgendermaßen aus:

Alys unfreundliche Polemik gegen die weihevolle Geburtstagsfeier für die Achtundsechziger ärgert an vielen Stellen. Sie vergröbert, sie ist ungerecht, sie verkennt persönliche Motive, gute Absichten häufig wohl auch. Wer unterstellt einem Rudi Dutschke schon Böses? Darum gehts aber nicht. Dass aus Deutschland ein zivilisiertes Land wurde, hat mit dem oft zynisch missachteten Engagement Liberaler in den Fünfzigern zu schaffen, mit Jugendlichen, die kulturell auf amerikanisierendem Trip seit Elvis waren. Und es hat mit all den anderen, mit Juristen und Publizisten, mit intellektuellen Aufbauhelfern von remigrierten Deutschen wie Richard Löwenthal, Ernst Fraenkel oder Theodor W. Adorno zu tun.

Die Militanten der Achtundsechziger hatten möglicherweise anderes Großes vor. Es wurde nie realisiert, sie hatten ohnehin mit nichts so recht Erfolg. Sie wussten es vielleicht nicht besser. Sie hielten sich die echten Schrecken der Nachkriegsgesellschaft vom Leib, aber wie hätten sie es können – er lebte oft in den eigenen Familien. Remigrierte wie Löwenthal oder Fraenkel führt Aly für viele andere an, die den Horror der Zeit vor 1945 erfahren haben und von den Militanten abgetan wurde.

Die Kader von Achtundsechzig hatten bestimmt viel Spaß, man hofft, irgendwie auch Sex, Drugs & Rock n Roll. Aly hält ihnen ein Spiegelbild vor. Manche Züge, die sie in ihm erkennen, sind nicht verzerrt.

12th February
2008
written by Tobias Blanken

Rolf Schneider schreibt auf DIE WELT über die DDR-Erfahrungen mit 68:

Für einstige DDR-Bürger ist die Jahreszahl 1968 primär nicht von Dutschke, Ho-Ho-Ho-Tschi-Minh-Rufen und Che Guevara bestimmt, sondern von Ereignissen in der CSSR. Die einzige, sehr lose Gemeinsamkeit zwischen Ost und West war, dass es sich in beiden Fällen um Vorgänge innerhalb der politischen Linken handelte.

Der Artikel 1968 war für uns Prag, nicht Rudi Dutschke ist recht kurz; besonders spannend fand ich die Passagen, die sich auf die Studenten des Otto-Suhr-Instituts beziehen:

Unsereins sah im linksradikalen Auftreten der Studentenbewegung eine Wiederkehr jener totalitären Gewohnheiten, wie wir sie täglich von unserem Staat erfuhren, unter denen wir seufzten und auf die wir gerne verzichtet hätten. Soziale Gewohnheiten der Achtundsechziger wie Sit-ins und Teach-ins blieben uns fremd. Das Kampfmittel Demonstration war durch die ostdeutsche Offizialpraxis verdorben. Ungläubig nahmen wir zur Kenntnis, wie aus Dahlem nach Ostberlin herübergereiste Jung-Politologen die Buchhandelsregale mit den vergleichsweise preiswerten Bänden der ostdeutschen Marx-Engels-Gesamtausgabe leerkauften.

Vereinzelt kam es auch zu persönlichen Begegnungen. Die meisten verliefen unerquicklich. Im klassischen Marxismus-Leninismus waren gewöhnlich wir die Beleseneren, auch deswegen erschien uns das ideologische Omnipotenzgehabe der Gäste suspekt. Was wir an Realerfahrungen aus dem osteuropäischen Sozialismus vortrugen, interessierte jene kaum. Bestenfalls sahen sie im Ostblock das nicht durchweg glückliche Experimentierfeld einer Gesellschaftslehre, deren endlichen Erfolg erst sie selbst realisieren würden.

Prag war gleichfalls Gegenstand des Streits. Was die Reformer um Dubcek wollten und praktizierten, waren Anleihen bei der bürgerlichen Demokratie, in der die Antiautoritären ihren verhassten politischen Gegner erkannten. Lieber reisten wir, statt mit Angehörigen des Otto-Suhr-Instituts der FU Berlin zu zanken und Adlershofer Wodka zu trinken, nach Böhmen, um dort Gleichgesinnte zu treffen und in dortigen Buchhandlungen indiziertes Schrifttum zu erwerben.

Something never changes.

8th February
2008
written by Tobias Blanken

Hannes Stein weist auf ein Streitgespräch zwischen Götz Aly und Katharina Rutschky über die 68′er in der taz mit folgenden Worten hin:

Welcher Recht hat, weiß ich nicht… doch es will mich schier bedünken, dass Götz Aly in dieser Diskussion nach Punkten siegt. Erstens weiß er mehr. Zweiten gefällt mir seine Art, sich selbst gegenüber ausgesprochen ungemütlich zu sein. Drittens verdanken wir Götz Aly den Ausdruck “Krawallschwaben”. Wenn ich eine bescheidene Bitte äußern darf, soll dieser soziologische terminus technicus sofort im Duden Aufnahme finden.

17th January
2008
written by Tobias Blanken

Er und er haben es schon getan, trotzdem weise auch ich auf ein Interview mit Götz Aly im Börsenblatt über den spezifisch deutschen Totalitarismus der 68er hin.

Aly über das Zurechtbiegen der eigenen Vergangenheit durch die 68er:

Der deutsche Furor, das Unbedingte und schließlich das Doktrinäre der 68er-”Bewegung“ rücken ganz in den Hintergrund. Es werden die schönen, weichen Aspekte der Revolte hervorgehoben, freie Sexualität und andere, neue Kommunikationsformen. All das waren zweifellos wichtige Dinge. In meiner Schulzeit war zum Beispiel in den Schulen die Prügelstrafe noch selbstverständlich.
Aber meine Kampfgenossen von damals tun heute gerne so, als seien sie in den Jahren der Revolte als bessere Heilsarmee unterwegs gewesen, immer im Einsatz für die Schwachen. Und sie tun so, als hätten sie die Aufklärung über die NS-Vergangenheit ins Werk gesetzt. Davon kann keine Rede sein.

Dieses “davon kann keine Rede sein” über die Aufarbeitung der Vergangenheit führt Aly weiter aus:

In den Jahren 1967 und 1968 fanden die meisten NS-Prozesse in der Bundesrepublik statt, vielfach verhängten die Schwurgerichte lebenslange Haftstrafen. Die Regierung Kiesinger / Brandt verlängerte noch einmal die Verjährungsfrist für Morddelikte und bekundete damit den Willen, die juristische Aufarbeitung der NS-Verbrechen fortzusetzen. Die 68er haben das damals alles verdrängt. Wenn Sie heute einen ehemaligen 68er fragen, an welche NS-Prozesse von ’68 er sich erinnert, dann fällt dem nichts ein. Damals wurden Prozesse wegen der Massenmorde in Treblinka, Sobibor und Belzec geführt, Prozesse gegen KZ-Personal und SD-Mörder – für die Linksradikalen von damals spielte das keine Rolle, in ihren zahllosen Postillen und Flugschriften fand das keinen Niederschlag. Stattdessen suchten die aufbegehrenden Studenten die Völkermörder im Ausland, vorzugsweise in den USA, schließlich sogar in Israel – überall, nur nicht bei sich zu Hause. Der Faschist wandelte sich vom Deutschen mit Namen und Adresse zur weltweiten Erscheinung. Diese widerliche Gestalt wurde nach den nun gängigen Faschismus-”Theorien“ in den Agenturen des Imperialismus und des Kapitals ausgebrütet, stammte nicht etwa aus kerndeutschen Familien aller sozialer Schichten. Kurz gesagt: Die linken Studenten wichen vor der Last der Vergangenheit aus, sie waren damit überfordert und flüchteten in den Internationalismus.

Hiernach wird Aly gefragt, was ihm als 68er Protagonist heute am peinlichsten wäre, Aly antwortet folgendermaßen:

Unsere Mao-Leidenschaft. Wir haben einen Massenmörder verehrt. Wir schwärmten für die chinesische Kulturrevolution und wollten nicht wissen, dass sie mit staatlich gesteuerter Gewalt verbunden war: Drei Millionen Menschen wurden ermordet, 100 Millionen deportiert. Ich trug damals einen goldenen Mao-Knopf am Revers. Und als 1972 die kambodschanische Revolution ausbrach, fanden wir auch diese ganz toll. Die Revolution, für die wir so warme Worte fanden, wurde von Pol Pot geleitet. Auch das wird heute meist verdrängt.
Ich bin der Frage nachgegangen, was wir über Maos Verbrechen hätten wissen können. Das Ergebnis ist niederschmetternd. Wir hätten nämlich alles wissen können. Der Mann, der das mit großer wissenschaftlicher Gründlichkeit dokumentiert hatte, hieß Jürgen Domes und saß mitten in der Hochburg der Studentenrevolte, im Otto-Suhr-Institut der Freien Universität. Wir haben ihn einfach für rechtsradikal erklärt. Ich habe seine damaligen Texte über die Zustände in China jetzt – nach vierzig Jahren – zum ersten Mal gelesen: Es handelt sich um nüchterne, von jedem schäumenden Antikommunismus freie, sehr sachliche Analysen, wie ich sie heute für vorbildlich halten würde.

Das Interview gehört eindeutig in die Kategorie lesenswert, geführt wurde es, da Alys Buch Unser Kampf (sic!) über eben dieses Thema im März erscheint.