Posts Tagged ‘Afghanistan’
Verdammt, diese Frau ist einfach großartig:
Künstler und Intellektuelle fordern den Abzug der Bundeswehr aus Afghanistan. Den Preis dafür aber nennen sie nicht.
Ebendiese Inkonsequenz ist es, die mir den aktuellen Pazifismus so schwer erträglich macht: Zwar hält man den Westen en gros für eine so fragwürdige Kultur, dass man ihm pauschal das Recht abspricht, sich auch mit Gewalt gegen die zu verteidigen, die ihn ihrerseits mit äußerster Skrupellosigkeit attackieren. En détail möchte man in Berlin, Köln oder am Bodensee seinen Rotwein aber auch weiterhin in Ruhe genießen können.
»Freedom isn’t free.« Dieser Satz, der sich auf Deutsch nur etwas umständlich übersetzen lässt als »Freiheit ist nicht kostenlos zu haben«, macht den Kern des US-amerikanischen Selbstverständnisses aus. Wir Deutschen dagegen scheinen immer noch zu glauben, dass die Freiheit, die uns die Amerikaner nach 1945 beschert haben, ebenso kostenlos war wie die Kaugummis, die sie an die deutschen Jungs und Mädels verteilt haben – und die ihnen manch intellektueller Zeitgenosse heute noch vorwirft.
Thea Dorn in der ZEIT: Vulgärpazifismus. Unbedingt lesenswert.
„Wir führen keinen Krieg, und darum müssen wir auch keinen gewinnen.”
(Franz Josef Jung, Verteidigungsminister)
Alan Posener in der WELT über den deutschen Selbstbetrug:
Als Rom brannte, musizierte Nero. Afghanistan brennt, und in Deutschland tobt eine Schlacht um die Semantik. Stell dir vor, es ist Krieg, und keiner geht hin: Indem man so tut, als gäbe es keinen Krieg, kann man die alte Losung der Grünen Wirklichkeit werden lassen. Freilich um den Preis der Wahrheit.
Alan Posener/ DIE WELT: Deutschland lügt sich den Krieg in Afghanistan weg.
Thomas L. Friedman in der New York Times:
A secretary of state can broker deals only when other states or parties are ready or able to make them. In the cold war, an age of great powers, grand bargains and reasonably solid client states, there were ample opportunities for that — whether in arms control with the Soviet Union or peacemaking between our respective client states around the globe. But this is increasingly an age of pirates, failed states, nonstate actors and nation-building — the stuff of snipers, drones and generals, not diplomats.
Hence the déjà vu all over again quality of U.S. foreign policy right now — the sense that when it comes to our major problems (Afghanistan and Pakistan and North Korea and Iran), we just go around and around, buying the same carpets from the same people, over and over, but nothing changes.
Oder: Früher war auch nicht alles schlecht.
DIE WELT über den Nachfolger von Peter Struck:
Der Verteidigungsminister Franz Josef Jung reist in einer Zeit nach Afghanistan, in der allerorten nach Wegen gesucht wird, das Land vor einem erneuten Abgleiten zu bewahren. Auf die Ansprüche von außen reagiert er gelassen: „Wir führen keinen Krieg, und darum müssen wir auch keinen gewinnen.”
DIE ZEIT über den Nachfolger von George W. Bush:
Die USA haben unter Obama neue Prioritäten in der Außenpolitik gesetzt. So soll die Truppenpräsenz in Afghanistan deutlich verstärkt werden, Einheiten werden aus dem Irak an den Hindukusch verlegt. [...]
Zunächst begrüßten amerikanische Generäle Obamas Strategie für den Irak. Doch die heftigen Terroranschläge der vergangene Tage haben hochrangige US-Militärs umdenken lassen. Um die Parlamentswahl im Dezember abzusichern, sei eine starke US-Streitmacht im Irak erforderlich, sagte Generalleutnant Lloyd Austin, der zweithöchste amerikanische Soldat im Irak. Er lehnt einen weiteren Abzug ab.
Auch der Kommandeur für die Truppen im Irak, Ray Odierno, und der Oberbefehlshaber für den Nahen Osten, David Petraeus, sprachen sich Ende Februar für einen langsameren Abzug aus, um die Sicherheitslage nicht weiter zu verschlechtern. [...]
Selbst die Süddeutsche kann es nicht mehr ignorieren:
Ein anderer Name dürfte derweil für die Taktik stehen, mit der Washington künftig in den Schluchten des Hindukusch vorankommen will: David Petraeus. Der Vier-Sterne-General, inzwischen der Chef des US-Zentralkommandos, gilt als Vater von Amerikas spätem Erfolg [!] im Irak. Petraeus will, getreu seinem Lehrbuch zur erfolgreichen Aufstandsbekämpfung, mit mehr amerikanischen Soldaten in Afghanistan erneut in die Schlacht ziehen. Mehr Bodentruppen verheißen, zumindest vorübergehend, mehr Blutvergießen – aber hoffentlich weniger blindes Bomben per Drohnen wie bisher.
Der Irak als Lektion für Afghanistan: Obama mag es nicht so sagen, aber er wird es tun. Er will, um seinen guten Krieg zu gewinnen, jetzt vom schlechten Krieg das Siegen lernen.
Aus: Obamas Engagement für Afghanistan – Amerikas guter Krieg.
“Are you going to school?”
Then the man pulled Shamsia’s burqa from her head and sprayed her face with burning acid. Scars, jagged and discolored, now spread across Shamsia’s eyelids and most of her left cheek. These days, her vision goes blurry, making it hard for her to read.
But if the acid attack against Shamsia and 14 others — students and teachers — was meant to terrorize the girls into staying home, it appears to have completely failed.
Today, nearly all of the wounded girls are back at the Mirwais School for Girls, including even Shamsia, whose face was so badly burned that she had to be sent abroad for treatment. Perhaps even more remarkable, nearly every other female student in this deeply conservative community has returned as well — about 1,300 in all.
Jeff Weintraub: The bravery of Afghan schoolgirls.
Apropos Einerseits, Andererseits: In seinem Montagskommentar in der ZEIT beschäftigt sich Joschka Fischer mit der Nato. Ebenfalls alles sehr ausgewogen. Sein Fazit zu Afghanistan fand ich aber sehr interessant, da er Deutschland als den entscheidenden Bremser für ein stärkeres Engagement ansieht:
Die Schwäche der USA und die Absage Deutschlands blockieren diese notwendige strategische Neubestimmung. Solange Deutschland an seinen nationalen Vorbehalten festhält, wird es in Afghanistan mehr oder weniger so weitergehen wie bisher. Und die gegenwärtige US-Regierung ist zu unfähig und auch zu schwach, um jetzt noch eine strategische Wende herbeiführen zu können. Man wird also auf den nächsten US-Präsidenten warten und hoffen müssen. Leider.
Hinter der Kontroverse um Afghanistan steht die Existenzfrage des Bündnisses, denn ein auf Gegenseitigkeit und Gleichheit aller Mitglieder aufgebautes Militärbündnis wird es nicht lange aushalten, wenn sich Mitglieder erster und zweiter Klasse herausbilden: Die einen kämpfen, die anderen räumen auf oder ziehen ab – eine solche Arbeitsteilung wird die Nato über kurz oder lang vor die Existenzfrage stellen oder zumindest in ihrem Kern als Bündnis gemeinsamer Sicherheit fundamental verändern.
Den Begriff “gemeinsame Sicherheit” wird man dann getrost streichen dürfen. Die Alternative werden neue, bilaterale Abhängigkeiten sein, die nicht mehr auf gemeinsamer Verantwortung und gemeinsamer Entscheidung beruhen werden. Dass eine solche Entwicklung in deutschem oder gar europäischem Interesse wäre, muss nachdrücklich verneint werden.
(Die Hervorhebungen sind von mir)
Werder-Online hat folgendes vermeldet:
Willi Lemke ist am späten Dienstagnachmittag, 18.03.2008, von UN-Generalsekretär Ban Ki Moon zum UN-Sonderberater für Sport im Dienste von Entwicklung und Frieden berufen worden. Werders Vorsitzender des Aufsichtsrates freute sich über die Ernennung: „Ich bin sehr glücklich. Das ist eine unglaubliche Anerkennung.“
Und ich freu mich mit ihm. Willy Lemke hat in den 80′er und 90′er Jahren enorm viel für den SV Werder Bremen und den Fußball geleistet. Das Verdienst wird auch nicht dadurch geschmälert, dass er mittlerweile im Verein zu den stockkonservativen Traditionalisten gehört. Auch dass er mir in der Doublesaison 2003/04 durch seine überharten Attacken gegen Bayern München unangenehm aufgefallen ist geht mittlerweile in Ordnung. Der Mann hat halt seine Verdienste – der Kaiser darf schließlich auch allen möglichen Schmarrn verzapfen.
Er hat die Ernennung zum UN-Sonderberater für Sport im Dienste von Entwicklung und Frieden schlichtweg verdient. Den Posten halte ich zudem für äußerst sinnvoll: Der Sport kann zur Entspannung beitragen. Es sind kleine Beiträge, aber sie zählen: Ob Werder Bremen Fußballausrüstung nach Afghanistan verschickt oder ob der DFB und Personen wie Holger Obermann sich vor Ort engagieren – jeder Beitrag ist auch immer ein Beitrag zum Aufbau einer zivilen Gesellschaft. Ich für meinen Teil möchte jedenfalls nicht mehr davon hören, dass in dem Fußballstadion in Kabul Hinrichtungen stattfinden.
Die UN kann hier wirklich noch viel erreichen – im Gegensatz zu den Politikfeldern, bei denen sie schlichtweg überfordert ist. Oder wo gar der Bock zum Gärtner gemacht wird. Daher: Schuster, bleib bei deinem Leisten. Fördere den Sport. Fördere den Fußball – mit Willy Lemke gibt es ja jetzt auch den richtigen Sonderbeauftragten – aber lass die Finger von der Sicherung des Weltfriedens. Und der Demokratieförderung. Und den Menschenrechten. Mit Sicherheitsratsmitgliedern wie China und Russland wird das eh nichts mehr. Vom UN-Menschenrechtsrat ganz zu schweigen.
Auf DIE ZEIT findet sich eine Umfrage unter “Prominenten” (teilweise Kategorie Dschungelcamp):
Die Nato-Partner fordern deutsche Kampftruppen für Afghanistan. Die Bundesregierung lehnt das ab. Was denken prominente Zeitgenossen über den Krieg und das deutsche Engagment am Hindukusch? Eine Umfrage.
Was man dort erfährt: Hans-Ulrich Klose ist korrekt wie immer, Angelika Beer faselt nationalpazifistischen (am deutschen Wesen soll Afghanistan genesen), “ganzheitlichen” Quark, Eckart von Klaeden ist eigentlich auch ganz in Ordnung und Heiner Geißler – Überraschung! – ist noch nicht ganz von allen Sinnen verlassen. Aber dann gibt es noch Feridun Zaimoglu, Schriftsteller und Mitglied der Deutschen Islamkonferenz, der selbstverständlich – irgendwie muss man sich ja sein Ticket zur Islamkonferenz verdienen – für den sofortigen Abzug plädiert, u.a. mit folgender Begründung:
In der Geschichte lief es immer darauf hinaus, dass Besatzungstruppen verloren haben und letztlich das Weite suchten. Das ist eine große Gefahr. Die wird nicht dadurch kleiner, dass man mit Besänftigungsmärchen daher kommt. Wir leben in einer Zeit der Besatzungsdemokraten. Wir – und ich bin von meinem Selbstverständnis her Deutscher – wir haben dort nichts zu suchen. Die Amerikaner vertreten mit ihrer Imperialpolitik eigene Interessen und man darf sich auf keinen Fall zum Werkzeug dieser Politik machen. Je eher wir die Truppen abziehen, desto besser.
Wenn er nur einen Funken historischen Wissens hätte, dann wüsste der Herr Zaimoglu sicher, dass er es den alliierten Besatzungsmächten verdankt, sein gequirltes Unwissen in einer deutschen Zeitung überhaupt von sich geben zu können. Und er wüsste vielleicht auch, dass es vorwiegend die amerikanischen Alliierten waren, die in über 40 Jahren die freie Meinungsäußerung in der Bundesrepublik und in Westberlin gesichert haben. Cause these Colours Don’t Run.
Sie haben eben nicht letztendlich das Weite gesucht, sondern die freie Welt selbst in Deutschland gegen Nazibarbarei und Kommunismus verteidigt – und zwar jahrzehntelang. Andernfalls könnte er jetzt sein Maul gar nicht so weit aufreißen…. obwohl…. sowas wie die Amerikaner vertreten mit ihrer Imperialpolitik eigene Interessen und man darf sich auf keinen Fall zum Werkzeug dieser Politik machen hätte er durchaus auch unter den Nazis oder den DDR-Kommunisten von sich geben können. Vielleicht doch nicht so dumm, der Herr Zaimoglu.
Im Die ZEIT Blog planet in progress berichtet Jochen Bittner von dem Bundeswehrgutachten Auslandseinsätze der Bundeswehr, welches von von sieben der ranghöchsten ehemaligen Generale der Truppe verfasst wurde. Das Gutachten fällt desaströs aus; in Bittners Worten:
Was das 55-seitige Papier in aller Kälte des Militärjargons festhält, fügt sich zu einem niederschmetterndes Bild von der Handlungsfähigkeit der deutschen Streitkräfte zusammen.
Am schwersten betroffen sind ausgerechnet die Streitkräfte, die eigentlich unsere Freiheit am Hindukusch verteidigen sollten:
Selbst wenn Fragen von Leben und Tod betroffen sind, kann es mitunter Jahre dauern, bis Entscheidungen durch die Bürokratie sickern. Der Bericht schildert etwa, wie lange es dauerte, bis Störsender für Bundeswehrkonvois in Afghanistan ankamen. Mit diesen „Jammern“ lässt sich verhindern, dass Terroristen per Mobilfunk Sprengfallen am Straßenrand auslösen – eine Methode, die immer beliebter wird. Die entsprechende Anforderung, hält der Bericht fest, sei bereits 2003 in den „Auswerteprozess eingesteuert“ worden. „Trotz ihrer Dringlichkeit“ sei sie „bis in das Jahr 2006 noch nicht erfüllt“ worden. Die Bundeswehrsoldaten fuhren also geschlagene drei Jahre lang ohne einen einfachen, aber wirkungsvollen elektronischen Schutzschirm am Hindukusch herum.
Das Weblog Sicherheitspolitik berichtet derweil über den problematischen Zustand der Polizei in Afghanistan, für den Deutschland die Hauptverantwortung trägt. Ausgerechnet das Land, welches ständig ungebetene Ratschläge (natürlich “unter Freunden”) an die Amerikaner vergibt, wie sie ihren Krieg führen sollen, versagt auf ganzer Linie. Wenn man dann noch liest, dass die Bundeswehr einen Kampfverband nach Afghanistan schicken will, dann wird einem angst und bange zumute – hoffentlich sind amerikanische Verbände zumindest soweit in der Nähe, dass sie im Notfall durch ihren Eingriff die Sicherheit der deutschen Truppen sicherstellen können.
