Posts Tagged ‘Alice Schwarzer’
Wladimir Kaminer über Frauen im Prenzlauer Berg, in Deutschland und Russland:
Baumeister ist einer der einflussreichsten Vertreter seines Fachs, und er verweigert jede moralisch-politische Parteinahme im Geschlechterkampf. Stattdessen stützt er sich auf einige breit akzeptierte Ergebnisse der Sozialforschung, angefangen mit dem Befund, dass nichts, aber auch gar nichts dafür spricht, dass eines der Geschlechter im statistischen Durchschnitt intelligenter oder sonst wie begabter ist.
Allerdings gibt es unter Männern auffallend mehr Ausreißer in beide Richtungen. Ob Körperstatur oder Sozialstatus – Männer finden sich häufiger bei den Extremen. Sie sitzen überproportional oft im Chefsessel – und überproportional oft im Gefängnis, Obdachlosenheim und in lebensgefährlichen Dreckjobs. Sie sind ganz oben, an der Macht – und ganz unten, wo das Leben hässlich, brutal und kurz ist.
(FTD: Männer haben auch ihr Gutes)
Den Haien entrann ich
Die Tiger erlegte ich
Aufgefressen wurde ich
Von den Wanzen.
(Bertolt Brecht: Epitaph für M.)
Und darum klag ich an: Michael Ende, nur du bist schuld daran, dass aus uns nichts werden kann.
(Tocotronic)
Im öffentlichen Diskurs werden Eva Herman und Alice Schwarzer immer vollkommen gegensätzlich präsentiert – dabei sind sie sich ähnlicher, als sie selbst wahrhaben wollen.
Beide haben ein Frauenbild, in dem die Frau vor allem ein Opfer der Gesellschaft und kein freies Individuum ist; das “Patriarchat” und “die 68′er” sind jeweils austauschbar. Dieses Opferfixierung wirft Mehrwert in vielerlei Hinsicht ab. Es ermöglicht ihnen zuallererst, ihr eigenes Frauenbild als verbindlich für alle Frauen darzustellen, indem immer wieder konkurrierende Lebensentwürfe als nicht freie Entscheidung denunziert werden, getreu dem Motto: Natürlich soll unser Frauenbild nicht verbindlich sein, aber alle Frauen, die nicht unserem Frauenbild entsprechen, sind willenlose Opfer des Patriarchats respektive der 68′er.
Diese Sicht geht mit einer ungeheuren Selbstaufwertung der Protagonisten einher. Wenn das eigene Geschlecht als zentrales Definitionsmerkmal und als Opfer dargestellt wird, dann ist man selber natürlich ungeheuer mutig. Die Gesellschaft und ihre Zwänge lauern hinter jeder Ecke, nur eine Jeanne d’Arc mag sich der allerorten lauernden strukturellen Gewalt wiedersetzen; nur Robin Hood und die Dissidenten im Archipel Gulag können nachvollziehen, was für einen heroischen Kampf die mutigen Damen führen.
Auf Nachfrageseite rennen beide mit ihrem Opferdiskurs offene Türen ein. Eva Herman und Alice Schwarzer sind beileibe nicht allein, sie haben Abermillionen Brüder und Schwestern in ihrem Geiste. Der Mob imaginiert sich trotz freier Meinungsäußerung und freier Presse in einem Land, in dem “die Medien” von der “linken Meinungsmache” gesteuert werden. Der gemeine Stammtischspießer gibt es dem “System”, diesem “Geschwür von Parteien” dann erst richtig, wenn er über “die da oben” und ihrem “Abzockerstaat” so richtig herziehen kann.
Wie diese selbsternannten Opfer & Helden reagieren würden, wenn reale Gefahr für Freiheit und Leben drohen würde mag man sich schon gar nicht mehr vorstellen – es reicht schon vollkommen aus, wie sie das Leid realer Opfer relativieren. Vielleicht wäre es da auch gar nicht mal so schlecht, wenn ein reales Stasiopfer den Stasi 2.0 Demonstranten einen anständigen Kinnhaken verpassen würde.
In diesem Sinne:
“It’s not my fault that I’m so evil. It’s society, society.