Posts Tagged ‘Ernst Fraenkel’

6th December
2008
written by Tobias Blanken

Diese Weltoffenheit ist verschwunden und bis heute weg. Der amerikafreundliche Impuls war schon zu Beginn der 60er-Jahre Geschichte, als Fraenkel, dessen Lehrstuhl ich dann übernahm, das Kennedy-Institut gründete. Die Studenten interessierten sich damals nicht mehr wirklich für Amerika. Und dann kam eben 1968, und die Stimmung kippte vollends um.

(Arnulf Baring)

DIE WELT hat ein Gespräch mit Klaus Schütz, Udo Knapp, Thea Dorn und Arnulf Baring anlässlich des 60 Geburtstages der FU geführt: Heute feiert die Freie Universität Berlin ihr 60-jähriges Bestehen. Ein Gespräch über das Besondere, das Verlorene und das Grauenvolle einer berühmt-berüchtigten Bildungsstätte. Und die ZEIT widmet der Person hinter der Matrikelnummer 1 einen Artikel: Wie Stanislaw Kubicki vor 60 Jahren mit Kommilitonen die Freie Universität Berlin gründete und ihr allererster Student wurde.

28th February
2008
written by Tobias Blanken

Die taz arbeitet sich an Götz Alys Unser Kampf ab. Am 18. Februar wurde eine Rezension von Stefan Reinecke abgedruckt, die stärker an ein Gutachten eines Gerichtspsychologen (“Unser Kampf ist das Buch eines Renegaten, daher der Hang zur Überkompensation”, “Kann es sein, dass hinter dieser stets in Oberlehrerton vorgetragener Verachtung für seine Generationsgenossen ein bisschen Selbstverachtung steckt? Oder gar Neid auf die “Postenjägervereine” (Aly), die es zu Unikarrieren brachten?”) als an eine Buchrezension erinnert.

Am 23. Februar erschien dann eine zweite Rezension. Habe erwartet, dass die taz Aly nun endgültig als Psychopathen darstellt, der nur dank Springer (“Springer! Chrr! Springer!”) noch nicht in der Klapse gelandet ist. Oder die taz würde sich ein Beispiel an der FR nehmen und den APO-Opis vom Rudi-Dutschke-Traditionsverein Platz einräumen, damit diese den Muff von 40 Jahren (“Wir sind die Guten”, “bundesdeutsche Restauration nach ‘49″, “Cambridge!” etc.) erfolgreich unters Volk bringen können.

Aber ich habe mich getäuscht. Jan Feddersen hat für die taz eine Rezension geschrieben, die Alys Thesen nicht gleich als Werk eines Irren aufgebracht zurückweist, sondern sich ernsthaft auf die Inhalte einlässt. Es ist sicher nicht die Buchrezension des Jahres, aber sie ist – und das hätte ich bei dem Thema und der taz nicht erwartet – diskutabel. Das Fazit fällt folgendermaßen aus:

Alys unfreundliche Polemik gegen die weihevolle Geburtstagsfeier für die Achtundsechziger ärgert an vielen Stellen. Sie vergröbert, sie ist ungerecht, sie verkennt persönliche Motive, gute Absichten häufig wohl auch. Wer unterstellt einem Rudi Dutschke schon Böses? Darum gehts aber nicht. Dass aus Deutschland ein zivilisiertes Land wurde, hat mit dem oft zynisch missachteten Engagement Liberaler in den Fünfzigern zu schaffen, mit Jugendlichen, die kulturell auf amerikanisierendem Trip seit Elvis waren. Und es hat mit all den anderen, mit Juristen und Publizisten, mit intellektuellen Aufbauhelfern von remigrierten Deutschen wie Richard Löwenthal, Ernst Fraenkel oder Theodor W. Adorno zu tun.

Die Militanten der Achtundsechziger hatten möglicherweise anderes Großes vor. Es wurde nie realisiert, sie hatten ohnehin mit nichts so recht Erfolg. Sie wussten es vielleicht nicht besser. Sie hielten sich die echten Schrecken der Nachkriegsgesellschaft vom Leib, aber wie hätten sie es können – er lebte oft in den eigenen Familien. Remigrierte wie Löwenthal oder Fraenkel führt Aly für viele andere an, die den Horror der Zeit vor 1945 erfahren haben und von den Militanten abgetan wurde.

Die Kader von Achtundsechzig hatten bestimmt viel Spaß, man hofft, irgendwie auch Sex, Drugs & Rock n Roll. Aly hält ihnen ein Spiegelbild vor. Manche Züge, die sie in ihm erkennen, sind nicht verzerrt.

19th January
2008
written by Tobias Blanken

In der Zeit ist eine leicht gekürzte Fassung einer Rede von Günter Grass am 11. Januar 2008 vor der SPD-Bundestagsfraktion abgedruckt: Günter Grass über Demokratischen Sozialimus. Die Rede trieft nur so von faktenresistenten Ressentiments, so entblödet sich Grass mal wieder nicht, den Terror aus Armut zu erklären:

Das heißt: Wer den Terrorismus eindämmen, schließlich beenden will, der sollte den Nord-Süd-Bericht zur Hand nehmen und in Armut, in Hungerstatistiken und in nachkolonialer Bevormundung und Demütigung die Ursachen für Gewalt und den allein durch militärische Gegengewalt nicht zu brechenden Terror erkennen.

Naja, zwischen der Karriere bei der Waffen-SS und der Schriftstellerkarriere war wohl keine Zeit mehr, sich mit Statistik auseinanderzusetzen – andernfalls würde sein heiles Weltbild (“Norden und Westen böse und reich, Süden arm und voll toll”) wohl durch die Warriors of the Middle Class gehörig durcheinander gewirbelt werden; er müsste sich dann auch Gedanken machen, wie die Evidence about the Link Between Education, Poverty and Terrorism tatsächlich gelagert ist. Whatever. Einen alten Mann sollte man auch nicht überfordern. Aber bei Absätzen wie diesem hier

Und was faul stinkt im Staate, sind sie. Sie, ungewählt, doch mit der Macht des Kapitals ausgestattet, verkörpern den ärgsten Feind der Demokratie. Ihr, der Lobby, ist keine Bannmeile gesetzt. Asoziale Managergehälter und allerorts wuchernde Korruption sind die Begleiterscheinungen des Lobbyismus

dreht sich mir der Magen um. Im Jargon der Unmenschen gibt er die Feinde des Gemeinwohls zum Abschuss frei. Man kann von ihm keine Statistikkenntnisse erwarten – aber man kann schon von ihm erwarten, sich mit den Grundsätzen einer freiheitlichen Demokratie auseinanderzusetzen. Ernst Fraenkels Text über den Pluralismus als Strukturelement der freiheitlich-rechtsstaatlichen Demokratie ist 1964 erschienen, da war Grass gerade 37 Jahre alt – also noch in einem lernfähigen Alter. Hätte er sich mit dem Text beschäftigt, dann würde er wissen, dass “westliche Demokratien ihren Bürgern die uneingeschränkte Möglichkeit, sich in in Verbänden pluralistisch zu organisieren, zu betätigen und kollektiv in das Staatsganze einzugliedern” geben. Natürlich gibt es Misstände, aber die

Pluralisten bestreiten jedoch nachdrücklich, daß es zur Heilung dieser Misstände beiträgt, wenn man sie nicht so sehr als Auswüchse einer an sich gesunden Entwicklung, sondern vielmehr als Krankheitssymptom eines in sich korrupten Systems ansieht.

Ebenso würde er wissen, was Fraenkel als Strukturmerkmal einer Volksdemokratie gegenüber den freiheitlich pluralistischen Demokratien geschrieben hat:

Von dem Bestreben geleitet, die Kontrollen über die Massen nicht zu verlieren, sind die Volksdemokratien bestrebt, sie mittels Zwangsorganisationen, die von einer monopolistischen Staatspartei manipuliert werden, auf allen Lebensgebieten, d.h. aber totalitär zu kontrollieren und dirigieren.

Willkommen in der kommoden Diktatur, Mr Grass.