Posts Tagged ‘Fertigverpackungs-Verordnung’

11th April
2009
written by Tobias Blanken

Tschechiens scheidender Außenminister Karel Schwarzenberg in einem SZ-Interview:

Deutschland unterliegt seit jeher dem Glauben, dass mit neuen Vorschriften und Regeln die Welt gerettet wird. Das geschieht höchst selten.

Derweil findet in Deutschland – man hätte es nicht für möglich gehalten – eine kleine Revolution des Einkaufens statt. Die Fertigverpackungs-Verordnung wird aufgehoben. Von nun an sind für die meisten Produkte in Deutschland fast alle Verpackungsgrößen erlaubt – ausgenommen sind Wein und Spirituosen. Nun liegt es an den Herstellern und Einzelhändlern, ob die Schokolade 100 Gramm wiegt, 20 Gramm oder ein Kilogramm. Was wiederum den Bundesverband der Verbraucherzentralen auf den Plan ruft:

Der Bundesverband der Verbraucherzentralen befürchtet, dass die Kunden durch Mogelpackungen hinters Licht geführt werden könnten: “Das ist eine der für die Verbraucher überflüssigsten Neuregelungen der zurückliegenden Jahre”, findet Verbandsvorstand Gerd Billen.

Unübersichtlichkeit und Chaos im Supermarkt seien die mögliche Folge. Der Verband rät den Konsumenten, beim Einkauf genau die Mengenangaben auf der Packung zu prüfen und sich bei Preisvergleichen am Grundpreis zu orientieren.

Was eine formidable Beleidigung des Verbrauchers ist. Denn der Verband sagt recht eindeutig, dass er den Verbraucher für saudumm hält. Dass er davon ausgeht, dass der Verbraucher bereits mit minimalen Rechenaufgaben geistig überfordert ist. Und dass man diesem geistig beschränkten Verbraucher deshalb keine Änderungen zumuten darf.

Ein ziemlich widerliches Menschenbild, was massiver staatlicher Bevormundung Tür und Tor öffnet. Als wäre der Mensch nur ein tierisches Reaktionsbündel, frei von Vernunft und Verstand. Als hätte es die Aufklärung nie gegeben. Als hätte Immanuel Kant nie die Frage beantwortet, was Aufklärung ist. Wie heißt es bei Kant doch so treffend:

Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines andern zu bedienen. Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! ist also der Wahlspruch der Aufklärung.

Faulheit und Feigheit sind die Ursachen, warum ein so großer Teil der Menschen, nachdem sie die Natur längst von fremder Leitung freigesprochen, dennoch gerne zeitlebens unmündig bleiben; und warum es anderen so leicht wird, sich zu deren Vormündern aufzuwerfen. Es ist so bequem, unmündig zu sein. Habe ich ein Buch, das für mich Verstand hat, einen Seelsorger, der für mich Gewissen hat, einen Arzt, der für mich die Diät beurteilt usw., so brauche ich mich ja nicht selbst zu bemühen. Ich habe nicht nötig zu denken, wenn ich nur bezahlen kann; andere werden das verdrießliche Geschäft schon für mich übernehmen. Daß der bei weitem größte Teil der Menschen (darunter das ganze schöne Geschlecht) den Schritt zur Mündigkeit, außer dem daß er beschwerlich ist, auch für sehr gefährlich halte, dafür sorgen schon jene Vormünder, die die Oberaufsicht über sie gütigst auf sich genommen haben. Nachdem sie ihr Hausvieh zuerst dumm gemacht haben und sorgfältig verhüteten, daß diese ruhigen Geschöpfe ja keinen Schritt außer dem Gängelwagen, darin sie sie einsperreten, wagen durften, so zeigen sie ihnen nachher die Gefahr, die ihnen drohet, wenn sie es versuchen, allein zu gehen. Nun ist diese Gefahr zwar eben so groß nicht, denn sie würden durch einigemal Fallen wohl endlich gehen lernen; allein ein Beispiel von der Art macht doch schüchtern und schreckt gemeiniglich von allen ferneren Versuchen ab.

Es ist also für jeden einzelnen Menschen schwer, sich aus der ihm beinahe zur Natur gewordenen Unmündigkeit herauszuarbeiten. Er hat sie sogar liebgewonnen und ist vorderhand wirklich unfähig, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen, weil man ihn niemals den Versuch davon machen ließ. Satzungen und Formeln, diese mechanischen Werkzeuge eines vernünftigen Gebrauchs oder vielmehr Mißbrauchs seiner Naturgaben, sind die Fußschellen einer immerwährenden Unmündigkeit. Wer sie auch abwürfe, würde dennoch auch über den schmalesten Graben einen nur unsicheren Sprung tun, weil er zu dergleichen freier Bewegung nicht gewöhnt ist. Daher gibt es nur wenige, denen es gelungen ist, durch eigene Bearbeitung ihres Geistes sich aus der Unmündigkeit herauszuwickeln und dennoch einen sicheren Gang zu tun.

Ein 225 Jahre alter Text, der aktueller denn je ist. Jedenfalls dann, wenn man die Geisteshaltung der Verbraucherverbände als Maßstab nimmt.