Posts Tagged ‘Friedrich Dürrenmatt’

22nd December
2007
written by Tobias Blanken

Gesetz, ich unternähme es, einem Russen, einem Franzosen, einem Schweizer usw. gegenüber von der Notwendigkeit ihrer Staaten zu reden, würden sie, so angesprochen, mich verständnislos anglotzen. Ihre Staaten brauchen keine Bestätigung ihrer Notwendigkeit. Der Versuch, die Notwendigkeit irgendeines Staates beweisen zu wollen, scheint nicht nur überflüssig, sondern auch komisch, aber eben auch beleidigend, denn der Grund, der den Vortragenden dahin brachte, einen solchen Beweis zu führen, beunruhigt: Muß schon die Notwendigkeit eines Staates bewiesen werden und, ist der Zuhörer ein Bürger des Staates, damit auch die Notwendigkeit des Zuhörers selbst, überhaupt zu existieren, so müssen offenbar starke Einwände vorhanden sein, die diese Notwendigkeit bezweifeln. Das definiert denn auch die Lage des Staates Israel: Er ist zwar, aber er scheint vielen nicht notwendig zu sein, ja mehr und mehr störend, man wäre froh, wenn er nicht wäre, auch jene wären glücklich über seine Nichtexistenz, die seine Existenz bejahen. Ein Verdacht nur, gewiß, doch ein berechtigter Verdacht.

Aus: Friedrich Dürrenmatt, Zusammenhänge. Essay über Israel. Eine Konzeption. Zürich 1976, S. 21 und 22.

17th December
2007
written by Tobias Blanken

Indem Arafat im Frieden Krieg führt, zwingt er auch Israel im Frieden zum Krieg, berechtigt er die Juden zu ihren Vergeltungsangriffen auf palästinensische Lager. Mit Absicht. Versucht er doch, mit den verständlichen Gegenangriffen der Juden seinen Terror nachträglich zu rechtfertigen. Damit bekommen die Terrorakte noch einen weiteren Aspekt, jenen nämlich, die ideologisch geforderte Unmöglichkeit eines Friedens zwischen Arabern und Juden zu demonstrieren. Was der Krieg im Großen tut, vollbringt der Terror im Kleinen: Er manipuliert die Wirklichkeit, damit sie so sei, wie nicht das Existenzielle beweist, sondern das Ideologische behauptet. Die Terroristen manipulieren die Wirklichkeit, von der sie behaupten, daß sie manipuliert sei (daher die arabischen Demarchen gegen die Schweizer Presse, analog den Nazi-Demarchen gegen diese). Der Terror dient Arafat dazu, vor der Weltöffentlichkeit recht zu bekommen, die wiederum wünscht, daß Arafat recht habe, um endlich von ihrem schlechten Gewissen den Juden gegenüber befreit zu werden; vor der Uno hat Arafat schon recht bekommen, nächstens wird die Meinhof dort sprechen.

Aus: Friedrich Dürrenmatt, Zusammenhänge. Essay über Israel. Eine Konzeption. Zürich 1976, S. 165 und 166.