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Götz Aly will nicht mehr:
Im Wahlprogramm der Grünen für Friedrichshain-Kreuzberg lese ich, wie die Partei den Zuzug von mittelständischen Mietern unter dem Stichwort Milieuschutz verhindern will. Da heißt es: “Auch die Mieten steigernde Nachmodernisierungen wie Parkettböden oder Vollverkachelung von Bädern können verhindert werden, allerdings unterliegen viele dieser Maßnahmen keiner Meldepflicht. Hier sind die BewohnerInnen aufgerufen, dem Bezirk entsprechende Vorhaben zu melden.” Ekelhaft, eine Partei der Blockwartinnen und Denunzianten wähle ich nicht.
Berliner Zeitung: Ich mach dann mal Pause
Bei Götz Aly bekommt mal wieder jeder sein Fett ab, diesmal im Namen des Säkularismus:
Wir leben nicht in einem christlichen Staat. Religiöse Normen helfen keinen Schritt weiter. Verbindlich sind allein die Allgemeinen Menschenrechte, das Grundgesetz mit den darin festgelegten demokratischen und juridischen Verfahrensregeln: Der Ehebrecher ist demnach kein Straftäter, wohl aber Steuerhinterzieher; wer onaniert, mag das einem interessierten Priester im Beichtstuhl mitteilen, der allgemeinen Gerichtsbarkeit unterliegt er nicht; wer Schweinefleisch verzehrt, gehört nicht zum Abschaum. Deutschstämmige, die Türken als Kanaken beschimpfen, machen sich rassistischer Volksverhetzung schuldig. Die Gesetze sollten dahingehend ergänzt werden, dass für einen muslimischen Deutschen, der ein Minirockmädchen als Christenschlampe schmäht, dasselbe gilt, ebenso, wenn sich türkische Jugendliche in wüster Weise über Romakinder hermachen und die Schwächsten unter den Schwachen als Zigeuner verprügeln. Hier liegen die Aufgaben des Staates, nicht im salbungsvollen Gerede über “unsere christlich-jüdischen und islamischen Wurzeln”
Götz Aly in der Berliner Zeitung: Neudeutsches Religionsgetue.
Gegen jüdische Konkurrenten erließen einzelne Staaten Verbote zur Sonntagsarbeit, in Ostmitteleuropa wurden Landreformen auf Kosten einzelner Minderheiten durchgeführt, im Baltikum zum Nachteil von Deutschen, in Litauen zum Nachteil von Polen, in Rumänien zum Nachteil von Ungarn usw. Staatsaufträge gingen an die Handwerker und Unternehmer, die der so bezeichneten Staatsnation angehörten. Scheinbar harmlose Institutionen wie Konsumvereine, Handels- und Kreditgenossenschaften wurden zu Kampfinstrumenten im Nationalitätenkrieg. In Polen erhielten Aktiengesellschaften 1924 das Recht, jüdische Aktionäre zurückzuweisen. Die ungarische Regierung verhängte 1921 den Numerus clausus für jüdische Studenten mit der Absicht, bessere Aufstiegschancen für die christlichen schaffen. In die Immatrikulationsbüros zogen Gleichstellungsbeauftragte ein, um Quotengerechtigkeit zugunsten christlicher Studenten durchzusetzen.
So Götz Aly in dem Vortrag Fretwurst, der Deutsche beim Symposion Flucht, Vertreibung, ‘Ethnische Säuberung’. Die Anlehnung an Hitlers Volksstaat. Raub, Rassenkrieg und nationaler Sozialismus ist unverkennbar, einige Beispiele kommen einem allzu bekannt vor, trotzdem ein absolut lesenswerter Vortrag.
Die taz arbeitet sich an Götz Alys Unser Kampf ab. Am 18. Februar wurde eine Rezension von Stefan Reinecke abgedruckt, die stärker an ein Gutachten eines Gerichtspsychologen (“Unser Kampf ist das Buch eines Renegaten, daher der Hang zur Überkompensation”, “Kann es sein, dass hinter dieser stets in Oberlehrerton vorgetragener Verachtung für seine Generationsgenossen ein bisschen Selbstverachtung steckt? Oder gar Neid auf die “Postenjägervereine” (Aly), die es zu Unikarrieren brachten?”) als an eine Buchrezension erinnert.
Am 23. Februar erschien dann eine zweite Rezension. Habe erwartet, dass die taz Aly nun endgültig als Psychopathen darstellt, der nur dank Springer (“Springer! Chrr! Springer!”) noch nicht in der Klapse gelandet ist. Oder die taz würde sich ein Beispiel an der FR nehmen und den APO-Opis vom Rudi-Dutschke-Traditionsverein Platz einräumen, damit diese den Muff von 40 Jahren (“Wir sind die Guten”, “bundesdeutsche Restauration nach ‘49″, “Cambridge!” etc.) erfolgreich unters Volk bringen können.
Aber ich habe mich getäuscht. Jan Feddersen hat für die taz eine Rezension geschrieben, die Alys Thesen nicht gleich als Werk eines Irren aufgebracht zurückweist, sondern sich ernsthaft auf die Inhalte einlässt. Es ist sicher nicht die Buchrezension des Jahres, aber sie ist – und das hätte ich bei dem Thema und der taz nicht erwartet – diskutabel. Das Fazit fällt folgendermaßen aus:
Alys unfreundliche Polemik gegen die weihevolle Geburtstagsfeier für die Achtundsechziger ärgert an vielen Stellen. Sie vergröbert, sie ist ungerecht, sie verkennt persönliche Motive, gute Absichten häufig wohl auch. Wer unterstellt einem Rudi Dutschke schon Böses? Darum gehts aber nicht. Dass aus Deutschland ein zivilisiertes Land wurde, hat mit dem oft zynisch missachteten Engagement Liberaler in den Fünfzigern zu schaffen, mit Jugendlichen, die kulturell auf amerikanisierendem Trip seit Elvis waren. Und es hat mit all den anderen, mit Juristen und Publizisten, mit intellektuellen Aufbauhelfern von remigrierten Deutschen wie Richard Löwenthal, Ernst Fraenkel oder Theodor W. Adorno zu tun.
Die Militanten der Achtundsechziger hatten möglicherweise anderes Großes vor. Es wurde nie realisiert, sie hatten ohnehin mit nichts so recht Erfolg. Sie wussten es vielleicht nicht besser. Sie hielten sich die echten Schrecken der Nachkriegsgesellschaft vom Leib, aber wie hätten sie es können – er lebte oft in den eigenen Familien. Remigrierte wie Löwenthal oder Fraenkel führt Aly für viele andere an, die den Horror der Zeit vor 1945 erfahren haben und von den Militanten abgetan wurde.
Die Kader von Achtundsechzig hatten bestimmt viel Spaß, man hofft, irgendwie auch Sex, Drugs & Rock n Roll. Aly hält ihnen ein Spiegelbild vor. Manche Züge, die sie in ihm erkennen, sind nicht verzerrt.
Hannes Stein weist auf ein Streitgespräch zwischen Götz Aly und Katharina Rutschky über die 68′er in der taz mit folgenden Worten hin:
Welcher Recht hat, weiß ich nicht… doch es will mich schier bedünken, dass Götz Aly in dieser Diskussion nach Punkten siegt. Erstens weiß er mehr. Zweiten gefällt mir seine Art, sich selbst gegenüber ausgesprochen ungemütlich zu sein. Drittens verdanken wir Götz Aly den Ausdruck “Krawallschwaben”. Wenn ich eine bescheidene Bitte äußern darf, soll dieser soziologische terminus technicus sofort im Duden Aufnahme finden.
Er und er haben es schon getan, trotzdem weise auch ich auf ein Interview mit Götz Aly im Börsenblatt über den spezifisch deutschen Totalitarismus der 68er hin.
Aly über das Zurechtbiegen der eigenen Vergangenheit durch die 68er:
Der deutsche Furor, das Unbedingte und schließlich das Doktrinäre der 68er-”Bewegung“ rücken ganz in den Hintergrund. Es werden die schönen, weichen Aspekte der Revolte hervorgehoben, freie Sexualität und andere, neue Kommunikationsformen. All das waren zweifellos wichtige Dinge. In meiner Schulzeit war zum Beispiel in den Schulen die Prügelstrafe noch selbstverständlich.
Aber meine Kampfgenossen von damals tun heute gerne so, als seien sie in den Jahren der Revolte als bessere Heilsarmee unterwegs gewesen, immer im Einsatz für die Schwachen. Und sie tun so, als hätten sie die Aufklärung über die NS-Vergangenheit ins Werk gesetzt. Davon kann keine Rede sein.
Dieses “davon kann keine Rede sein” über die Aufarbeitung der Vergangenheit führt Aly weiter aus:
In den Jahren 1967 und 1968 fanden die meisten NS-Prozesse in der Bundesrepublik statt, vielfach verhängten die Schwurgerichte lebenslange Haftstrafen. Die Regierung Kiesinger / Brandt verlängerte noch einmal die Verjährungsfrist für Morddelikte und bekundete damit den Willen, die juristische Aufarbeitung der NS-Verbrechen fortzusetzen. Die 68er haben das damals alles verdrängt. Wenn Sie heute einen ehemaligen 68er fragen, an welche NS-Prozesse von ’68 er sich erinnert, dann fällt dem nichts ein. Damals wurden Prozesse wegen der Massenmorde in Treblinka, Sobibor und Belzec geführt, Prozesse gegen KZ-Personal und SD-Mörder – für die Linksradikalen von damals spielte das keine Rolle, in ihren zahllosen Postillen und Flugschriften fand das keinen Niederschlag. Stattdessen suchten die aufbegehrenden Studenten die Völkermörder im Ausland, vorzugsweise in den USA, schließlich sogar in Israel – überall, nur nicht bei sich zu Hause. Der Faschist wandelte sich vom Deutschen mit Namen und Adresse zur weltweiten Erscheinung. Diese widerliche Gestalt wurde nach den nun gängigen Faschismus-”Theorien“ in den Agenturen des Imperialismus und des Kapitals ausgebrütet, stammte nicht etwa aus kerndeutschen Familien aller sozialer Schichten. Kurz gesagt: Die linken Studenten wichen vor der Last der Vergangenheit aus, sie waren damit überfordert und flüchteten in den Internationalismus.
Hiernach wird Aly gefragt, was ihm als 68er Protagonist heute am peinlichsten wäre, Aly antwortet folgendermaßen:
Unsere Mao-Leidenschaft. Wir haben einen Massenmörder verehrt. Wir schwärmten für die chinesische Kulturrevolution und wollten nicht wissen, dass sie mit staatlich gesteuerter Gewalt verbunden war: Drei Millionen Menschen wurden ermordet, 100 Millionen deportiert. Ich trug damals einen goldenen Mao-Knopf am Revers. Und als 1972 die kambodschanische Revolution ausbrach, fanden wir auch diese ganz toll. Die Revolution, für die wir so warme Worte fanden, wurde von Pol Pot geleitet. Auch das wird heute meist verdrängt.
Ich bin der Frage nachgegangen, was wir über Maos Verbrechen hätten wissen können. Das Ergebnis ist niederschmetternd. Wir hätten nämlich alles wissen können. Der Mann, der das mit großer wissenschaftlicher Gründlichkeit dokumentiert hatte, hieß Jürgen Domes und saß mitten in der Hochburg der Studentenrevolte, im Otto-Suhr-Institut der Freien Universität. Wir haben ihn einfach für rechtsradikal erklärt. Ich habe seine damaligen Texte über die Zustände in China jetzt – nach vierzig Jahren – zum ersten Mal gelesen: Es handelt sich um nüchterne, von jedem schäumenden Antikommunismus freie, sehr sachliche Analysen, wie ich sie heute für vorbildlich halten würde.
Das Interview gehört eindeutig in die Kategorie lesenswert, geführt wurde es, da Alys Buch Unser Kampf (sic!) über eben dieses Thema im März erscheint.