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Lokaljournalismus kann auch bissig sein. Aus Unser Lübeck:
Mit der Kritik, die Bundeswehrreform machte aus dem Wehrpflichtigenheer eine Söldnertruppe, schoss Günter Grass allerdings eindeutig über das Ziel hinaus. Nach Artikel 47 der Genfer Konvention gilt als Sölder, wer im Inland oder Ausland zu dem besonderen Zweck angeworben ist, in einem bewaffneten Konflikt zu kämpfen, wer an Feindseligkeiten vor allem aus Streben nach persönlichem Gewinn teilnimmt und wer weder Staatsangehöriger einer am Konflikt beteiligten Partei ist, noch in einem von einer am Konflikt beteiligten Partei kontrollierten Gebiet ansässig ist. Dass deutsche Soldaten nach zehn Jahren immer noch Ausrüstungsgegenstände aus eigener Tasche bezahlen, weil das Material der Bundeswehr zum Teil unzweckmäßig ist, macht sie noch lange nicht zu Söldnern. Zu seiner Verteidigung muss jedoch darauf hingewiesen werden, dass es in der Waffen-SS keine Einführung in die damals außer Kraft gesetzte Haager Landkriegsordnung gab.
(via)
Gegen die Süddeutsche prozessiert Grass wegen der Behauptung des Blattes, das Dritte Reich habe etwas mit dem “sogenannten Rassismus” zu tun. Er, Grass, wisse ganz sicher, daß dieser “sogenannte Rassismus” eine Erfindung der Amerikaner sei, die sich erst nach dem Zweiten Weltkrieg als “ein weiteres der fundamentalen Verbrechen dieser ruchlosen Nation im letzten Jahrhundert” manifestiert habe.
(Titanic – Günter Grass kurz vor dem Endsieg)
Der mittlerweile einundachtzigjährige Literaturnobelpreisträger war als Siebzehnjähriger für einige Monate bei der Waffen-SS und hatte diese Episode seines Lebens bis zu seiner autobiographischen Erinnerung “Beim Häuten der Zwiebel” verschwiegen. Darüber brechen viele Blogger, Journalisten, Satiriker und Politiker den Stab. Dabei geht ihnen offensichtlich zunehmend ein inneres Koordinatensystem ab, das zu einer zielsicheren Bewertung führt, was eine Nachricht wirklich wert ist.
Dank der Gnade der späten Geburt urteilen die oben zitierten Satiriker der Titanic von einem warmen Schreibtisch in der zentralgeheizten Redaktion über einen Siebzehnjährigen, der im NS-System eine bescheidene Karriere gemacht hat, indem er die unumgänglichen Schulungen nicht mit Abscheu von sich wies! Grass ist tatsächlich brav zur Waffen-SS gegangen, statt heldenhaft den Wehrdienst zu verweigern! Und zwar weil Grass die Waffen-SS in seiner Jugend nach eigenen Angaben „als kosmopolitische [9] Eliteeinheit“ und „die doppelte Rune am Uniformkragen“ als „nicht anstößig“ [10] empfand.
Das Unmaß aller Dinge ist aber der polnische Politiker Lech Wałęsa. Er ist noch nicht einmal ein Deutscher, urteilt aber darüber, wie Deutsche sich verhalten haben sollten. Dabei kann er schon aufgrund seiner Abstammung gar nicht wissen, wie es ist, wenn man als Deutscher in Nazi-Deutschland aufgewachsen ist. Wie schön für Herrn Wałęsa, sich seiner Widerständigkeit in einem System, das er nie erdulden musste, aber wo möglich für den besseren Staat hielt, so sicher zu sein.
Auch ist es nicht verwunderlich, dass die Kampagnenmacher von der CDU/CSU und der Jungen Union harte Kritik üben. Denn die CDU will endlich ungestört mit der DVU koalieren können und zwar bundesweit. CDVU, ick höre dir trapsen. Auch wird munter gemutmaßt, warum Grass “noch” 1944 in die SS eintrat. Als ob damals zu erahnen gewesen wäre, dass die Nazi-Diktatur ein Jahr später besiegt wurde – hier sei nur das Stichwort Wunderwaffe V2 genannt.
Nee, bevor ich über Blockflöten-Tätigkeit, Waffen-SS Mitgliedschaft, Sklavenhalter und andere Scheusale urteile, sollte ich mir die Frage stellen, ob ich selbst in einer vergleichbaren Situation zum Helden getaugt hätte? Ob ich den Versuchungen widerstanden hätte, Privilegien einzustreichen oder meiner Familie Vorteile zu verschaffen? Ob ich auf eine berufliche Karriere verzichtet hätte? Ob ich einem Erpressungsversuch staatlicher Willkür widerstanden hätte?
Absurder Text? Ja, allerdings.
In der Zeit ist eine leicht gekürzte Fassung einer Rede von Günter Grass am 11. Januar 2008 vor der SPD-Bundestagsfraktion abgedruckt: Günter Grass über Demokratischen Sozialimus. Die Rede trieft nur so von faktenresistenten Ressentiments, so entblödet sich Grass mal wieder nicht, den Terror aus Armut zu erklären:
Das heißt: Wer den Terrorismus eindämmen, schließlich beenden will, der sollte den Nord-Süd-Bericht zur Hand nehmen und in Armut, in Hungerstatistiken und in nachkolonialer Bevormundung und Demütigung die Ursachen für Gewalt und den allein durch militärische Gegengewalt nicht zu brechenden Terror erkennen.
Naja, zwischen der Karriere bei der Waffen-SS und der Schriftstellerkarriere war wohl keine Zeit mehr, sich mit Statistik auseinanderzusetzen – andernfalls würde sein heiles Weltbild (“Norden und Westen böse und reich, Süden arm und voll toll”) wohl durch die Warriors of the Middle Class gehörig durcheinander gewirbelt werden; er müsste sich dann auch Gedanken machen, wie die Evidence about the Link Between Education, Poverty and Terrorism tatsächlich gelagert ist. Whatever. Einen alten Mann sollte man auch nicht überfordern. Aber bei Absätzen wie diesem hier
Und was faul stinkt im Staate, sind sie. Sie, ungewählt, doch mit der Macht des Kapitals ausgestattet, verkörpern den ärgsten Feind der Demokratie. Ihr, der Lobby, ist keine Bannmeile gesetzt. Asoziale Managergehälter und allerorts wuchernde Korruption sind die Begleiterscheinungen des Lobbyismus
dreht sich mir der Magen um. Im Jargon der Unmenschen gibt er die Feinde des Gemeinwohls zum Abschuss frei. Man kann von ihm keine Statistikkenntnisse erwarten – aber man kann schon von ihm erwarten, sich mit den Grundsätzen einer freiheitlichen Demokratie auseinanderzusetzen. Ernst Fraenkels Text über den Pluralismus als Strukturelement der freiheitlich-rechtsstaatlichen Demokratie ist 1964 erschienen, da war Grass gerade 37 Jahre alt – also noch in einem lernfähigen Alter. Hätte er sich mit dem Text beschäftigt, dann würde er wissen, dass “westliche Demokratien ihren Bürgern die uneingeschränkte Möglichkeit, sich in in Verbänden pluralistisch zu organisieren, zu betätigen und kollektiv in das Staatsganze einzugliedern” geben. Natürlich gibt es Misstände, aber die
Pluralisten bestreiten jedoch nachdrücklich, daß es zur Heilung dieser Misstände beiträgt, wenn man sie nicht so sehr als Auswüchse einer an sich gesunden Entwicklung, sondern vielmehr als Krankheitssymptom eines in sich korrupten Systems ansieht.
Ebenso würde er wissen, was Fraenkel als Strukturmerkmal einer Volksdemokratie gegenüber den freiheitlich pluralistischen Demokratien geschrieben hat:
Von dem Bestreben geleitet, die Kontrollen über die Massen nicht zu verlieren, sind die Volksdemokratien bestrebt, sie mittels Zwangsorganisationen, die von einer monopolistischen Staatspartei manipuliert werden, auf allen Lebensgebieten, d.h. aber totalitär zu kontrollieren und dirigieren.
Willkommen in der kommoden Diktatur, Mr Grass.
Günter Grass hat den Pressemeldungen der vergangenen Woche zufolge eine schriftliche Unterlassungsklage wegen einer SS-Passage in der Grass-Biografie von Michael Jürgs eingereicht. Grass wehr sich damit gegen die Behauptung des Biographen, er wäre der Waffen-SS freiwillig beigetreten. Den Pressemeldungen zufolge hat er der Klage eine eidesstattliche Versicherung beigefügt, die da lautet:
Ich habe mich als 15-Jähriger in Gotenhafen freiwillig zur Wehrmacht gemeldet, und zwar zum Dienst bei der U-Boot-Waffe, ersatzweise zur Panzerwaffe. Mit einer Meldung zur Waffen-SS hatte das weder direkt noch indirekt irgendetwas zu tun
Grass war übrigens insgesamt zwei mal in Israel. Von seinem 1967′er Besuch blieb unter anderem dieses Zitat im Gedächtnis: Kaum eine europäische Nation hat es gegeben, die sich nicht zeitweilig das Verbrechen zum politischen Verbündeten gewählt hatte; von seinem 1971′er Besuch die Tatsache, dass er dort mit Tomaten beschmissen wurde. Danach schwor Grass, nie mehr in seinem Leben nach Israel zu reisen.
Als deutscher Staatsbürger kann man relativ leicht ein Visum für eine Israelreise bekommen, dass war 1967 und 1971 nicht anders. Es gibt nur eine Hürde für diejenigen, die vor 1928 geboren wurden (Norbert Blüm und Rupert Neudeck würden jetzt sicher ganz laut Altersdiskriminierung oder Selektion rufen), diese müssen noch eine schriftliche Erklärung ausfüllen, die u.a. beinhaltet, “dass ich weder der NSDAP, noch einer ihrer Formationen angehört habe”.
Günter Grass ist 1927 geboren.
Kommunismus, das ist die Macht der Atomwaffen plus Hungersnot im ganzen Land.
(Kim Jong-il)
Immerhin einen Lichtblick gibt es für die geschundenen Menschen in Nordkorea:
Grass und Walser zum Beispiel, Pflichtlektüre eines jeden Germanisten weltweit, stehen weder im Lehrplan noch in den Regalen der drei Millionen Bücher umfassenden Nationalbibliothek.