Posts Tagged ‘Kommunismus’

10th January
2009
written by Tobias Blanken

In fünf Tagen jährt sich der Todestag von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht zum neunzigsten Mal. Und da es die DDR samt schwarzen Kanal nicht mehr gibt lässt der SPIEGEL sich nicht lumpen verklärt beide zu Demokraten. In dem Artikel Luxemburg und Liebknecht heißt es etwa ganz lapidar:

Die folgenden Ereignisse haben die Linke in Deutschland für immer gespalten, mit fatalen Folgen. Der Hass zwischen Sozialdemokraten und Kommunisten schwächte die demokratischen Kräfte in der Weimarer Republik nachhaltig; den Nazis sollte das später den Durchmarsch an die Macht wesentlich erleichtern.

Luxemburg und Liebknecht haben zwar gegen die Weimarer Republik geputscht und wollten eine Rätediktatur errichten, aber über sowas sieht man beim SPIEGEL anscheinend gerne hinweg. Diktatur und Demokratie fangen schließlich beide mit dem Buchstaben D an, da kann man schon mal den Überblick verlieren. Und aus Kommunisten “demokratische Kräfte” machen. Logisch, dass beide Kommunisten im Stile allerfeinster DDR-Propaganda zu Heiligen verklärt werden:

Das Schicksal als prominenteste Opfer demokratiefeindlicher Gewalt in Deutschland hat Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht historischen Rang eingetragen.

Leseempfehlung Deutschlandradio Kultur / Jochen Staadt: Demokratie oder Diktatur.

20th November
2008
written by Tobias Blanken

George Orwell sagte 1937 über die doktrinäre Linke: Für sie sei der Sozialismus »wie eine berauschende Häretiker-Jagd, der rasende Tanz wild gewordener Hexenmeister, die im Lärm der Tom-Toms singen: ›Ich rieche das Blut eines Rechtsabweichlers‹«

Josef Joffe in Stalin am Main über das lückenhafe Wörterbuch der Unmenschen, dem Begriff der Abweichler und dem Umgang der hessischen SPD mit ihren vier Wiederständlern.

15th November
2008
written by Tobias Blanken

Wo immer uns der Tod antrifft, er sei uns willkommen und andere Menschen sich daran machen den Trauermarsch zu intonieren mit Maschinengewehrgeknatter und neuen Kriegs- und Siegesrufen.

Ernst Jünger Che Guevara

Marko Martin rezensiert in der WELT das neue Werk von Gerd Koenen Traumpfade der Weltrevolution – Das Guevara-Projekt. Die Rezension mit dem bezeichnenden Titel Che Guevara wollte die Waffen in Blut tauchen findet man hier.

23rd April
2008
written by Tobias Blanken

Ich bin gerade über ein Protokoll eines Symposiums unter dem Titel “SOCIALISM: What Happened? What Now?” gestolpert. Von Jeane Kirkpatrick finden sich dort diese autobiographischen Absätze:

I’d like to tell you bit more about my own career as a socialist.[...]
After that, I moved on to New York, where I studied socialism in a different fashion. My principal advisor and professor at Columbia was Franz Neumann, who was a brilliant professor and writer, and who had been himself a member not only of the German Social Democratic Party but a member of the ISPD, Independent Social Democratic Party, which was the left social democratic party. He had been active in the politics of Weimar as long as he thought he could still escape Germany and survive. He had thought very deeply about it. He taught and wrote about both the Second Empire, about the Weimar Republic, and about the German socialist movement.

We studied all manner of socialists, including those mentioned here. We studied not only Marx and Engles but also Bernstein and Rosa Luxemburg and a whole array. Edward Bernstein I found particularly interesting. I was already a revisionist at that early stage. I was especially fascinated by their doctrines of war and of peace. [...]

As I read the utopian socialists, the scientific socialists, the German Social Democrats and revolutionary socialists— whatever I could in either English or French— I came to the conclusion that almost all of them, including my grandfather, were engaged in an effort to change human nature. The more I thought about it, the more I thought this was not likely to be a successful effort. So I turned my attention more and more to political philosophy and less and less to socialist activism of any kind. [...]

It’s useful to distinguish between radical socialism and social democracy. The differences between them have been absolutely critical. It’s important to distinguish between the Weimar Republic, which was not a perfect republic but had many good qualities, and the Soviet Union, which was clearly not a good republic.

But I always remained very interested in the people who could not be satisfied by developing something clearly do-able, and who sought instead to transform human nature.

8th April
2008
written by Tobias Blanken

Der Künstler war vom Massenmörder geradezu besessen. Er machte den größten Verbrecher des 20. Jahrhunderts zur berühmtesten Ikone der Pop-Art. Heute muss jedes Kunstmuseum wenigstens einen Adolf Hitler von Andy Warhol haben.

Und dies auch noch im Deutschlandradio Kultur. Dr. Clemens Heni, bitte übernehmen!

Jetzt mal ernsthaft: Natürlich darf Posener Mao mit Hitler vergleichen, ohne sich den Vorwurf der Verharmlosung der NS-Verbrechen einzuhandeln. Was natürlich kein Persilschein für die “der Holocaust, die Indianer, Kain und Abel und der Fußpilz” (Lars Rensmann) Fraktion beinhalten sollte. Gibt ja schließlich immer noch die Frage danach, was verglichen wird. Und wie. Und wo der Erkenntnisgewinn liegen soll. Und, vor allem: Worin die Intention liegt.

Beispiel: Daniel Jonah Goldhagen vergleicht mit den Worten „aber Nazismus ist die korrekte Bezeichnung und der einzige Bezugsrahmen für politischen Islam” Nazis mit Islamisten. In seiner Argumentation spielt der Antisemitismus eine zentrale Rolle – obwohl Islamisten bis zum heutigen Tag Juden im 5-stelligen Bereich getötet haben. Und eben nicht 6 Millionen. Trotzdem argumentiert Goldhagen auf einer anderen Ebene als die notorischen Neonazis, die bei Dresden sofort wie Pawlowsche Hunde “Bombenholocaust, Bombenholocaust” durch die Gegend grölen. Und in Dresden sind auch Menschen im 5-stelligen Bereich getötet wurden.

Niemand – naja, sagen wir fast niemand, gibt ja schließlich noch das Palästina-Portal – würde hier widersprechen. Goldhagen hat schließlich einen Punkt: Die Islamisten von Hamas, Hisbollah etc. ticken ähnlich wie die Nazis. Und wenn sie die Möglichkeit hätten (also wenn es die IDF nicht geben würde), dann würden sie es den geistesverwandten Nazis gleichtun. Wobei man natürlich einwenden sollte, ob andere Vergleiche nicht sinnvoller wären. Dritter Totalitarismus, neuer Totalitarismus, Islamobolschewismus, Islamofaschismus etc., weil in diesen Bezeichnungen ein höherer Erkenntnisgewinn liegen könnte.

Apropos Faschismus: In der Linken und in weiten Teilen der Welt wird dieser Terminus ohne weiteres Nachdenken benutzt. In der Benutzung des Wortes wird meistens (gibt bedeutende Ausnahmen, etwa Hannah Arendt) davon ausgegangen, dass man das NS-Regime mit dem faschistischen Italien und dem faschistischen Spanien gleichsetzen könnte. Eine Typologie macht schließlich nur dann Sinn, wenn die Gemeinsamkeiten größer als die Differenzen sind. Was ich in diesem Fall bezweifeln würde. In Spanien und Italien hatte man dreckige Diktaturen, die man durchaus auch mit Waffengewalt hätte beseitigen können. Aber: Sind diese Diktaturen mit dem NS-Regime vergleichbar? Gab es einen totalitären Anspruch (ja, den gab es, Mussolini hat schließlich den Begriff des Stato totalitario geprägt)? Aber wurde er auch verwirklicht? Was ist mit den Konzentrationslagern, dem eliminatorischen Antisemitismus? Dem Wahn nach Weltherrschaft? Die Typologie führt m.E. in die Irre, in ihr könnte das NS-Regime tatsächlich verharmlost werden – die DDR lässt grüßen – aber es kann auch immer ein Mittel zum Zweck sein, um die Merkmale des NS-Regimes herausarbeiten zu können. Schwierige Frage, aber sie verdeutlicht die Grundproblematik des Vergleichs.

Zurück zu Posener: Wer kennt auch nur eines der 70 Millionen Opfer Maos beim Namen? Die Zahl von 70 Millionen Opfern hat er vermutlich aus dem Buch Mao. Das Leben eines Mannes, das Schicksal eines Volkes. 70 Millionen Tote allein in Friedenszeiten. Andere Forscher sind zurückhaltender, was die Opferzahlen betreffen. Da ist dann von 20 oder 30 Millionen nachweisbaren Toten die Rede. Zum Vergleich: Das NS-Regime hat 20 Millionen Tote zu verantworten, die nicht durchs Kriegsrecht gerechtfertigt sind. Der vom NS-Regime verursachte und begonnene 2. Weltkrieg hat vermutlich 55 Millionen Menschen das Leben gekostet.

Womit auch ich das NS-Regime mit Maos Regime verglichen habe. Was kann denn noch schlimmer sein, hä? Jehova! Jehova! Jehova! Aber womit sollte man denn sonst die Höhe der Leichenberge vergleichen? Mit den Bolschewisten? Ja, allerdings. Und, weiter? Da bleibt nur noch das NS-Regime über. In der absoluten Zahl der Toten sind nur diese drei Regime vergleichbar. Und Maos Regime kann vermutlich den Anspruch für sich reklamieren, für den höchsten Leichenberg der Menschheitsgeschichte verantwortlich zu sein.

Womit wir bei der Dimension der durch die chinesische KP verbrochenen Verbrechen wären. Die Partei hat gewütet, gemordet, Hungersnöte ausgelöst, hat Kinder in der Kulturrevolution dazu gebracht, ihre Eltern zu verpfeifen. Apropos Kulturrevolution: Wie wurde der Kampf gegen die Vier alten Dinge (kapitalistisch, feudal, reaktionär oder revisionistisch) doch von den linksextremen APO-Studenten glorifiziert. Sprechchöre wie “der Feind verfault mit jedem Tag, während es uns täglich besser geht” oder “für alles Reaktionäre gilt, dass es nicht fällt, wenn man es nicht niederschlägt” fand man besonders einfallsreich – Jürgen Domes Forschungen zu der mörderischen Realität nahm man bestenfalls nicht zur Kenntnis, im Normalfall hat man ihn als Antikommunisten (böse, böse!) bezeichnet, womit sich auch die Auseinandersetzung mit den Schrecken erledigt hatte.

Und die KP hat nicht nur in der VR China gewütet. Was ist denn bitte mit dem Koreakrieg? Schon vergessen? Nee, natürlich nicht. Irgendwie lernt ja jeder deutsche Schüler, dass die bösen kriegstreibenden Amis dort einen weiteren sinnlosen Krieg geführt haben. In dieser Mischung von Antiamerikanismus und grenzenlosem Pazifismus hätte man zwar zu den Koreanern Give up your dreams of freedom because to save our own skins, we’re willing to make a deal with your slave masters gesagt, aber grenzenlose Immoralitäten haben die Pazifisten bekanntlich noch nie sonderlich beeindruckt. Ebensowenig wie Fakten.

Wer war denn bitte der Aggressor in Korea? Doch wohl ehr die nordkoreanischen Streitkräfte, ihre Verbündeten aus der VR und die verschiedenen paramilitärischen kommunistischen Gruppen. Oh ja, die VR China, selbst bei Wikipedia findet sich zu Mao folgendes: …griff die Volksrepublik China am 1. Januar 1951 in einer Offensive die UNO und die südkoreanischen Truppenverbände an. Der Angriff wurde von etwa 1 Million Mann in einer kalten Nacht [...] durchgeführt. [...] Dieser militärische Erfolg nach 100 Jahren der Machtlosigkeit gegenüber ausländischen Invasoren galt als einer der wichtigsten Erfolge Maos. Allerdings muss man [...] bedenken, dass Mao in diesem Krieg die „Taktik der Menschenwelle“ anwendete: Enorm viele Soldaten mit mangelhafter Bewaffnung und quasi ohne Ausbildung rannten so lange gegen die feindlichen Linien an bis dem Gegner die Munition ausging.

Die APO-Studenten fanden sowas natürlich klasse, denn Mao hat den Amis damit im Gegensatz zu ihrer eigenen Nazi-Looser-Vätergeneration zumindest ein Patt am 38. Breitengrad abgetrotzt. Dieser 38. Breitengrad in Korea ist bis heute die Grenze zwischen freier Welt und kommunistischer slave master Gesellschaft. Die unterernährten, unterdrückten Nordkoreaner können sich hierfür nicht nur bei Mao “bedanken”, sondern bei der chinesischen KP bis heute – denn diese ist noch immer Schutzmacht des nordkoreanischen Regimes. Genauso wie sie Schutzmacht des Regimes in Birma ist.

Oh ja, die Liste der Verbrechen der chinesischen KP ließ sich fast endlos fortführen. Wer stand doch gleich hinter Pol Pot und den Khmer Rouge? Wer wollte die Sowjetunion während der Kubakrise zum Einsatz der Atomwaffen drängen? Wer bedroht ständig die Existenz von Taiwan? Wer betätigt sich derzeit in Afrika als großer Bruder aller kleinen und großen Diktaturen und unterminiert damit sämtliche menschenrechtlichen Mindeststandards?

Allein die Rolle der VR China in Darfur rechtfertigt schon die Bezeichnung Völkermordspiele für die Olympischen Spiele 2008. Eric Reeves vergleichte gar die Rolle von Steven Spielberg 2008 mit der von Leni Riefenstahl 1936. Jehova! Jehova! Jehova! Womit wir wieder beim Thema wären: Ja, man darf vergleichen. Aber man sollte schon schauen, was verglichen wird. Und wo die Intention liegt.

Ja, der Dalai labert. Auch war Tibet vor der Annexion durch die VR kein Paradies der Freiheit und Demokratie. Aber: Man will doch wohl nicht ernsthaft die Verbrechen Tibets mit der Schreckensbilanz der VR vergleichen. Oder gar damit die Unterdrückung in Tibet und den Einsatz der VR-Kräfte rechtfertigen und beschönigen. Oder etwa doch?

Ein ziemlich absurdes Vorgehen. Erinnert frappant an die Glorifizierung der Kulturrevolution durch die APO. “Für alles Reaktionäre gilt, dass es nicht fällt, wenn man es nicht niederschlägt” lässt grüßen. “Feudal” und “reaktionär” erleben trotz des Muffes von 40 Jahren eine neue Renaissance. Die Intention kommt mir auch seltsam bekannt vor. Erinnert an die Leute hierzulande, die bei “Verbrechen” und “zweiter Weltkrieg” wie Pawlowsche Hunde “Dresden, Dresden, Dresden” rufen.

18th February
2008
written by Tobias Blanken

Drüben in Zettels Raum gibt es aufgrund der aktuellen Dementis zu den Mauer- und Stasiäußerungen einen guten Bericht darüber, wie DIE LINKE auf europäischer Ebene mit den den unterschiedlichen kommunistischen Parteien zusammenarbeitet. Angesichts dieser Bündnisse – die u.a. die Solidarisierung mit der menschenrechtsverachtenden Diktatur auf Kuba beinhalten – kommt der Autor zu dem Schluss, dass “eine Partei, die europa- und weltweit mit kommunistischen Parteien aufs engste zusammenarbeitet, dies auch in Deutschland mit der DKP tut” eigentlich eine Selbstverständlichkeit sei.

Ein wirklich guter Artikel, an dem mir jedoch ein wesentlicher Punkt fehlt: Das Dementi des Parteivorstandes ist auf unangenehmste Art opportunistisch. Der Vorstand erklärte folgendes:

Die Äußerungen des DKP-Mitglieds Christel Wegner sind inakzeptabel. Der Vorstand der Partei DIE LINKE distanziert sich davon in aller Form. Für DIE LINKE gilt ohne jede Einschränkung der vom Parteitag beschlossene Grundsatz: “Wir haben aus der Geschichte gelernt: Respekt vor den Ansichten Andersdenkender ist Voraussetzung von Befreiung. Wir lehnen jede Form von Diktatur ab und verurteilen den Stalinismus als verbrecherischen Missbrauch des Sozialismus. Freiheit und Gleichheit, Sozialismus und Demokratie, Menschenrechte und Gerechtigkeit sind für uns unteilbar.”

Stalin starb 1953, Chruschtschow hielt seine Geheimrede 1956. Die Berliner Mauer wurde 1961 gebaut. Die Stasi hat bis zum Zusammenbruch der DDR gewirkt. Trotzdem distanziert sich der Vorstand ausgerechnet vom Stalinismus – als wenn der Stalinismus Thema der öffentlichen Auseinandersetzung gewesen wäre. Warum?

Erstens ist die Haltung für den Vorstand äußerst bequem – selbst unter kommunistischen Betonköpfen gehört eine Distanzierung vom Stalinismus zum guten Ton. Der Vorstand geht potentiellen Differenzen mit der Kommunistischen Plattform und anderen Gruppierungen innerhalb der Partei hierdurch aus dem Weg. Der zweite Grund ist noch perfider: Ausgerechnet eine Debatte um die Mauer und die Stasi wird von den Erben der SED genutzt, um den Sozialismus von den Verbrechen der DDR reinzuwaschen. “[...] und verurteilen den Stalinismus als verbrecherischen Missbrauch des Sozialismus” my ass.

22nd January
2008
written by Tobias Blanken

Best Friends Forever!

In early December, a surprising scene unfolded at Tehran University: 500 Marxist students held aloft portraits of Che Guevara to protest President Mahmoud Ahmadinejad’s policies. Smaller groups of Marxist students held similar protests in several other cities.

Political protest has been harshly suppressed under the current Iranian government, especially dissent linked to the West. But the radical left, despite its antireligious and antigovernment message, has been permitted relative freedom. This may be, analysts say, because, like the government, it rejects the liberal reform movement and attacks the West.

So die New York Times. Islamo? Socialists? What about Islamo-Communism?

“The government paved the way for leftist movements in the country when its best friends became Castro and Chávez,” he said, referring to Fidel Castro of Cuba and Hugo Chávez of Venezuela.

“The whole idea was that any country that was against America was on our side,” he said. “As a result, all communist leaders became the Islamic Republic’s best friends.”

Tags: ,
19th December
2007
written by Tobias Blanken

Die Kritik der Kritischen Theorie in Gänze beherrschen andere deutlich besser als ich, aus aktuellem Anlass möchte ich jedoch im folgenden auf einen ein Nebenwiderspruch der Kritischen Theorie eingehen; genauer: Auf die Elemente des Antisemitismus aus Adornos und Horkheimers Dialektik der Aufklärung.

Unter der Voraussetzung, dass man einzelne Sätze und Abschnitte unabhängig von der Kapitalismus- und Gesellschaftskritik des Gesamtwerkes betrachtet (ob legitim oder nicht sei hier dahingestellt; die Aufrechterhaltung der Differenz und Einheit von Liberalismus und Faschismus durch die Kritische Theorie soll ebenfalls nicht thematisiert werden), dann findet man etliche geniale Stellen. In der sechsten These etwa heißt es: Anstatt der Stimme des Gewissens hört es Stimmen; anstatt in sich zu gehen, um das Protokoll der eigenen Machtgier aufzunehmen, schreibt es die Protokolle der Weisen von Zion den andern zu. Sprachgewaltig wird vor Augen geführt, was der Antisemitismus über das Subjekt und dem Objekt der Projektion aussagt; die Stelle kann nahtlos an Sartres Wenn es keinen Juden gäbe, der Antisemit würde ihn erfinden anknüpfen.

Deutlich häufiger findet man jedoch Stellen, die selbst unter der Ausblendung der Kapitalismuskritik äußerst problematisch sind. Die Elemente des Antisemitismus sind voll von Widersprüchen, die sich auch beim besten Willen nicht durch (eine wie auch immer geartete) Dialektik aufheben lassen. Beispiel: Die ersten sechs Thesen sind von der Anstrengung durchzogen, die Besonderheiten des Antisemitismus aufzuzeigen. Dennoch fällt in der zweiten These der Satz Und wie die Opfer untereinander auswechselbar sind, je nach der Konstellation: Vagabunden, Juden, Protestanten, Katholiken, kann jedes von ihnen anstelle der Mörder treten, in derselben blinden Lust des Totschlags, sobald es als die Norm sich mächtig fühlt. Aller historischen Erfahrungen zum Trotz werden Täter und Opfer als beliebig austauschbar dargestellt, als wenn es nur ein Zufall gewesen wäre, dass die Deutschen die Juden umgebracht haben – und eben nicht umgekehrt. Adorno und Horkheimer könnten hier durchaus auch als Stichwortgeber für diejenigen fungieren, die ständig so widerlichen geistigen Schwachsinn wie die Muslimen sind die Juden von heute von sich geben. Die siebte These ist aus dieser Hinsicht besonders problematisch, da unter den wunderbar klingenden Begriffen des Tickets und der Ticketmentalität die Besonderheit des Antisemitismus und selbst des Holocausts zu verschwinden droht.

Ebenso widerspruchsvoll und problematisch verhält es sich mit dem eigentlichen Nebenwiderspruch dieses Posts. Lizas Welt hat heute folgendes zur Einleitung eines (ansonsten lesenswerten, zumindest für Personen mit Interesse an Szenediskussionen) Artikels geschrieben:

Manche Sätze gehören einfach in Stein gemeißelt: „Der eigentliche Gewinn, auf den der Volksgenosse rechnet, ist die Sanktionierung seiner Wut durchs Kollektiv“, schrieben Horkheimer und Adorno einmal über die maßgeblichen Triebkräfte des Antisemitismus, und: „Je weniger sonst herauskommt, um so verstockter hält man sich wider die bessere Erkenntnis an die Bewegung. Gegen das Argument mangelnder Rentabilität hat sich der Antisemitismus immun gezeigt.“ Es war dies nicht zuletzt eine Kritik des Ökonomismus, wie ihn die Kommunisten betrieben, die in Auschwitz, Treblinka und Majdanek bloß die Kulmination der Verbrechen des Monopolkapitals, die ultimative Konsequenz ungehemmten Profitstrebens also, erkennen wollten. Dass die Vernichtung der europäischen Juden um ihrer selbst willen geschehen und keiner gewöhnlichen Kosten-Nutzen-Rechnung gefolgt sein könnte, war für die Revolutionäre schlicht undenkbar.

Ehrlich gesagt wünschte ich, man könnte dieses so stehen lassen. Aber in den Elementen des Antisemitismus finden sich mehrere Aussagen, die zeigen, dass auch Adorno und Horkheimer im plattesten Ökonomismus der Kommunisten gefangen blieben. Gleich in der ersten These fällt der Satz Den Arbeitern, auf die es zuletzt freilich abgesehen ist, sagt es aus guten Gründen keiner ins Gesicht, der aus dem Antisemitismus die ordinäre kommunistische Betrachtung eines Ablenkungsmanövers macht. Der Satz könnte so auch in den Schulbüchern der DDR oder den Faschismustheorien eines Reinhard Kühnl stehen, wo der Holocaust beständig zu einem Kollateralschaden beim Hobeln an der ach so tollen Arbeiterbewegung verkommt.

Die Genossen Dimitroff und Kuusinen lassen in der zweiten These (wenige Zeilen über dem von Lizas Welt verwendeten Zitat) grüßen, wenn es da heißt Seine Zweckmäßigkeit für die Herrschaft liegt zutage. Er wird als Ablenkung, billiges Korruptionsmittel, terroristisches Exempel verwandt. Die respektablen Rackets unterhalten ihn, und die irrespektablen üben ihn aus. [...] Die hohen Auftraggeber freilich, die es wissen, hassen die Juden nicht und lieben nicht die Gefolgschaft. In die selbe Kerbe eines Ökonismus, dessen Geistesgehalt dem einer Verschwörungstheorie entspricht, schlägt auch die siebte These, wenn es dort heißt Anstelle der antisemitischen Psychologie ist weithin das bloße Ja zum faschistischen Ticket getreten, dem Inventar der Parolen der streitbaren Großindustrie.

Der von den Kommunisten so heiß geliebte Klassencharakter des Faschismus findet sich auch in der sechsten These: In solcher Macht bleibt es dem von der Partei gelenkten Zufall überlassen, wohin die verzweifelte Selbsterhaltung die Schuld an ihrem Schrecken projiziert. Vorbestimmt für solche Lenkung sind die Juden. Die Zirkulationssphäre, in der sie ihre ökonomischen Machtpositionen besaßen, ist im Schwinden begriffen. Die liberalistische Form des Unternehmens hatte den zersplitterten Vermögen noch politischen Einfluß gestattet. Jetzt werden die eben erst Emanzipierten den mit dem Staatsapparat verschmolzenen, der Konkurrenz entwachsenen Kapitalmächten ausgeliefert.

Kurz und gut: Einige Stellen aus den Elementen des Antisemitismus sind klasse – aber als eine Kritik des Ökonomismus, wie ihn die Kommunisten betrieben sind die Elemente unbrauchbar, schlimmer noch: Sie sind selbst im Ökonomismus gefangen.

30th November
2007
written by Tobias Blanken

In der Vanity Fair stand vor Wochen ein Interview mit Wolf Biermann. Überschrieben war es mit dem Biermann-Zitat “Ich verpisse mich nicht”, danach folgte die Zusammenfassung des Interviews mit den Worten: „Er will zurück nach Berlin und nochmal kämpfen: gegen den Kommunismus, für die Freiheit und die Frauen“.

Zwei sehr gute Freunde von mir, Michael Holmes und Ingo Way, beherzigen Biermanns Aussagen zur Hälfte. Der eine Freund, Michael Holmes, will – leider! – nicht zurück nach Berlin, der andere Freund, Ingo Way, will nicht „für die Frauen“ kämpfen, sondern wenn dann für Frauen als Individuen. Aber beide Freunde beherzigen den Teil, indem es um Freiheit und dem Kampf gegen den Kommunismus geht. Und beide wollen sich nicht verpissen, nur weil sie von Freund und Feind für diese Haltung eine Menge Prügel kassieren.

Ingo Way hat jetzt auf seinem Blog eine Stellungnahme veröffentlicht, in der die Problematik der Auseinandersetzung auch für Außenstehende deutlich hervorgeht. Der Text ist so treffend, dass ich ihn hier in Gänze wiedergebe:

Notwendige Nestbeschmutzung

Die Achse des Guten gehört zu den größten und bekanntesten Politblogs in Deutschland. Die Autoren wollen dem linksliberalen, ökologistischen, israelfeindlichen, islamismusverharmlosenden Zeitgeist etwas entgegensetzen, was meine volle Sympathie hat. Man kennt sich persönlich, den meisten Autoren fühle ich mich in mehr oder weniger intensiver Weise freundschaftlich verbunden. Gelegentlich habe ich Gastbeiträge beigesteuert. Mir ist klar, daß einige von ihnen über diesen Beitrag not amused sein werden. Aber Feigheit vor dem Freund möchte ich mir nicht vorhalten lassen. Doch sei vorausgeschickt, daß das Folgende nicht als Kampfansage an die Achse zu verstehen ist, die ich nach wie vor sehr schätze und deren Autoren ich (größtenteils) mag, sondern als Beitrag zu einer wichtigen Diskussion.

Vor einigen Tagen erschien ein Text von Michael Holmes auf der Achse, in dem er – klassisch antitotalitär – davor warnt, daß Demokraten im Kampf gegen Rechtsradikalismus mit linksradikalen Antifas zusammenarbeiten, da diese letztlich autoritäre und antidemokratische Ziele verfolgten. Er illustriert das mit Erinnerungen an seine eigene Antifa-Zeit. Gewaltbereiten Rechts- wie Linksradikalismus verurteilt er gleichermaßen, ohne zu behaupten, beide seien gleich gefährlich.

Nun hätte man über diesen Text kontrovers diskutieren oder – bei Desinteresse – ihn einfach ignorieren können. Ich selbst halte ihn für nicht ganz geglückt, aber das spielt an dieser Stelle keine Rolle. Tatsächlich wurde in diversen Blogs heftig über ihn debattiert; ferner bekam Holmes nach eigener Aussage etliche zustimmende und ablehnende Zuschriften.

Doch dann geschah etwas seltsames. Der Text war plötzlich von der Seite verschwunden. Sämtliche Links auf ihn gingen ins Leere. Auf Nachfrage wußte Holmes nichts vom Grund der Löschung, geschweige denn daß er sie selbst veranlaßt hätte. Er bekam lediglich eine Mail von Michael Miersch, in der ihm die Löschung mitgeteilt wurde. Als Grund wurde lediglich genannt, daß es um den Text “Streit” gegeben habe.

Nun versteht sich die Achse dezidiert als kontroverses Medium, in dem auch schon einmal Beiträge erscheinen können, die sich weit aus dem Fenster lehnen, die den breiten Konsens verlassen und bewußt provokant formuliert sind. Warum ausgerechnet in diesem Fall eine Löschung? Meines Wissens zum ersten Mal in der Geschichte der Achse.

Also fragte ich bei Michael Miersch per Mail nach, was das denn solle. Da Miersch meine Mail und alle folgenden an diverse Personen weitergeleitet hat, ist unser Mailwechsel kein privater mehr, und so sehe ich mich berechtigt, daraus zu zitieren. Außerdem, finde ich, haben die Leser der Achse das Recht zu erfahren, warum ein Text plötzlich kommentarlos verschwindet. Miersch schrieb:

Es war so: Michael Holmes hatte einen Text über die “Antifa” reingestellt, der darüber aufklärte, das das Kommunisten sind. Darin wurden ein paar Leute dafür kritisiert, dass sie für Zusammenarbeit mit der “Antifa” im Kampf gegen Rechtsradikale sind. Diese Leute gehören zu dem Blogger-Milieu, zu dem auch irgendwo, irgendwie achgut.de gehört (pro-westlich, liberal usw. usf., wie immer ihr es nennen wollt). Sie beschwerten sich, dass sie in dem Artikel falsch dargestellt würden.

Wurden sie es denn? Und wer überhaupt? Was genau wurde denn falsch dargestellt? Wer hat sich denn da konkret beschwert? Und warum ist eine Beschwerde ein Löschungsgrund? Hätte man nicht eine Gegendarstellung veröffentlichen können, auf die Holmes dann wieder hätte antworten können?

Dirk, Henryk und ich beschlossen daraufhin Michaels Text vom Blog zu
löschen. Begründung:

1. Wenn sich Leute falsch dargestellt fühlen, sollten sie das Recht zur
Gegenrede haben (natürlich nicht alle Leute, aber die Betreffenden
gehören zum Freundeskreis von “Liza” zu dem wir ja oft verlinken).

Seltsam. “Liza” – vom Blog “Lizas Welt” – kommt in Holmes’ Text gar nicht vor. Um ihn geht es gar nicht. Und noch einmal: Was war falsch dargestellt?

2. Wir haben aber keine Lust, dass so eine Sektendebatte auf
“achgut.de” stattfindet. Wir sind ein journalistisches Medium und keine
Gesinnungstankstelle. Also soll sie bitte woanders stattfinden. Es gibt
genug Blogs.

3. Daher finden wir es die fairste Variante, den Ursprungstext, der ja
die Debatte aufgemacht hat, runterzunehmen.

4. Wir fanden diesen Text grundsätzlich nicht sehr passend für
achgut.de. 99 Prozent unserer Leser kennen weder die “Antifa” noch die
Zitierten. Wir brauchen keine Abgrenzung zum Linksradikalismus, weil
wir damit eh nichts am Hut haben. Und irgendwelche internen
Szene-Diskussionen brauchen wir schon gar nicht.

Szene-Diskussion? In Holmes’ Beitrag wurde über ein politisches Milieu informiert, das Straftaten begeht, Gewalt befürwortet und sich in bürgerlichen Kreisen eine gewisse Respektabilität dadurch verschafft, daß es vorgibt, gegen “den Faschismus” zu kämpfen, und das dem Verfassungsschutz immerhin relevant genug erscheint, um ihm regelmäßig in seinem Jahresbericht einige Seiten zu widmen – ein Thema von allgemeinem Interesse mithin. Die “Szene-Diskussion” wollte anscheinend eher Liza führen. Darauf antwortete ich:

Lieber Michael,

leider stellt mich Deine Antwort ganz und gar nicht zufrieden. … Wenn es zu einem Text inhaltliche Einwände gibt, können die doch geäußert werden. Ist etwas an Micks Darstellung falsch oder kontrafaktisch? Dann hinein in die Diskussion bzw. her mit der Richtigstellung. Nicht? Warum den Text dann löschen? Ich kann mir vorstellen, daß sich sehr viele Leute über sehr viele Themen auf achgut aufregen und ihre Aufregung kundtun. Wird dann jedesmal sofort gelöscht – womöglich noch über den Kopf des Autors hinweg?

Was die Frage der Relevanz betrifft – mit Verlaub, da gab es schon weit irrelevantere Artikel auf achgut. Und seit wann wird dort die Linke nicht kritisiert? Schreibt Ihr demnächst auch nichts mehr zum Thema Islamismus, weil Ihr mit Islamismus eh nichts am Hut und deshalb keine Abgrenzung nötig habt? Ich glaube übrigens auch kaum, daß 99 % der achgut-Leser nicht wissen, was die Antifa ist. (Und wenn sie’s nicht wissen – umso besser, wenn sie aufgeklärt werden.)

Achgut sei “ein journalistisches Medium und keine Gesinnungstankstelle”. Die Gesinnung der von Mick Kritisierten soll aber sakrosankt sein. Verstehe das wer will. Ich finde den ganzen Vorgang – das Einknicken vor Kritik, die Löschung von Micks Text – absolut mies und eines liberalen Mediums unwürdig. Eine Chefredaktion – die es bei achgut offenbar gibt – sollte bei externer Kritik hinter ihren Autoren stehen und sie nicht etwa der Meute zum Fraß vorwerfen. Alles andere ist unprofessionell und für ein “journalistisches Medium” gelinde gesagt unüblich. Statt den sich beleidigt Fühlenden zu sagen, sie müßten, wie alle anderen auch, Kritik einfach auch mal aushalten, meldet man Vollzug und löscht den strittigen Text.

Micks Text wurde in mehreren Blogs sehr kontrovers diskutiert (Stichwort Irrelevanz), es gab positive wie negative Resonanz, und durch die Löschung habt Ihr jedem, der die Debatte verfolgt, signalisiert, daß Ihr Euch von Mick distanziert. So geht man mit Kollegen nicht um. … Ist doch klar, daß das Löschen seines Textes einen gewaltigen Affront darstellt.

Nun wieder Miersch, leicht säuerlich:

Lieber Ingo, lieber Michael,

seit Längerem ist es in der achgut.de-Redaktion meine Rolle, euer
Fürsprecher zu sein, wenn es mal wieder Gerüchte, Anschuldigungen oder
Streitigkeiten um euch und eure linken Ex-Freunde gibt. Diese Rolle
habe ich eine Weile gern übernommen, weil ich euch beide nicht nur klug
sondern auch sympathisch finde. Die Folge ist, dass ich nun schon
mehrfach der Adressat für zahlreiche aufgeregte Protestschreiben wurde,
die von mir irgendwelche Erklärungen verlangten. Darauf habe ich
keinerlei Lust.

Es gab also “Gerüchte” und “Anschuldigungen”, wie ich jetzt erfahre. Warum das einen Vorwurf gegen die begründet, gegen die diese Gerüchte und Anschuldigungen gerichtet sind, erschließt sich mir nicht. Von wem kommen diese Gerüchte und Anschuldigungen?

Zur Erläuterung: Holmes und ich kommen aus der Linken. Ich steckte nie so tief in der linken Szene drin wie Holmes und kenne mich daher auch mit der Antifa nicht so gut aus, doch habe ich mich vor einigen Jahren eine Zeitlang in “antideutschen” Kreisen bewegt und für deren offiziöses Zentralorgan Bahamas einige Artikel geschrieben. Irgendwann haben wir dann beide mit der Linken vollends gebrochen.

Doch wie das bei Linken und anderen Sekten so ist: Aussteiger mögen sie gar nicht; Renegaten werden gehaßt. Werden altgediente Liberale von Linken irgendwie noch respektiert (oder so getan als ob; man braucht sie ja für diverse “Bündnisse”), gilt das für liberal gewordene Ex-Linke keineswegs. Die sind und bleiben Häretiker, denen wieder und wieder nachgewiesen werden muß, was für schlechte Menschen sie sind.

Beschwert haben sich offenbar “Liza” und sein “Freundeskreis” – Leute mithin, die sich den “Antideutschen” nach wie vor verbunden fühlen, was im Blog “Lizas Welt” für den Außenstehenden freilich nie so recht deutlich wird, obwohl es für den Kenner der Szene offensichtlich ist.

So hätte selbstverständlich jeder andere Autor der Achse einen Text wie den von Holmes veröffentlichen können, ohne daß irgendjemand Einspruch erhoben hätte. Besagter “Freundeskreis” hat sich einzig und allein auf Holmes eingeschossen, weil der ein “Renegat” ist.

Miersch weiß das freilich und hat sich im privaten Gespräch gegenüber Holmes und mir auch immer entsprechend geäußert. Aber er will halt seine Ruhe haben vor “zahlreiche(n) aufgeregte(n) Protestschreiben …, die von mir irgendwelche Erklärungen verlangten”. Verständlich. Nur: Warum erzählt er das uns und nicht denen, die gegen Beiträge von uns meinen protestieren zu müssen und deren Löschung verlangen? Ich fragte ihn das. Seine Antwort:

Die Antwort, lieber Ingo, warum ich langsam vermute, dass dies
irgendwas mit Michael und dir zu tun haben könnte, ist ganz einfach:
Weil die Atmosphäre bei achgut.de früher freundlich, sachlich und
professionell war und solche seltsamen Streitigkeiten unbekannt.

Die Welt wäre ja so friedlich, wenn es keine zersetzenden Elemente gäbe – so als wären Holmes und ich diejenigen gewesen, die die Löschung von Beiträgen verlangt hätten. Holmes ist jetzt also schuld daran, daß sein Beitrag lästige Beschwerden nach sich zieht. Hätte er sich also wohl besser selbst zensiert. Wer Haß auf sich zieht, wird für die Umstehenden lästig, denn sie könnten ja auch etwas abbekommen. Holmes ist für bestimmte Leute aus dem linken bzw. antideutschen Spektrum zu einer Reizfigur geworden. Nun versuchen sie, ihm bei jeder sich bietenden Gelegenheit an den Karren zu fahren. Den damit entstehenden Aufruhr lasten seine liberalen Freunde nun ihm an. Wer ständig angefeindet wird, der muß ja wohl irgendwie selbst dran schuld sein. Man kennt das ja. Wer will schon mit den mavericks befreundet sein? Da geht man lieber auf Distanz. Die früher angeblich stets vorherrschende freundliche und kollegiale Atmosphäre bei der Achse mag damit zu tun haben, daß es seinerzeit noch als Selbstverständlichkeit galt, den eigenen Autoren nicht in den Rücken zu fallen, wenn sie angegriffen wurden. Kein Autor der Achse würde es sich bieten lassen, daß die anderen ihm seine Texte weglöschen.
Und noch ein Wort zu Liza und seinem Freundeskreis. Diese kommen in Holmes Text, in dem die gewaltbereite Antifa kritisiert wird, schlicht und einfach nicht vor. Einzig ihr Ressentiment gegen Holmes macht sie glauben, sie seien irgendwie mitgemeint. Und was ist das eigentlich für eine Kehrwochenmentalität, sich bei den Verantwortlichen (also nicht einmal beim Autor selbst) über einen Blogbeitrag zu “beschweren”? Warum antwortet Liza nicht im eigenen Blog, wenn er sich (aus welchem Grund auch immer) angesprochen fühlt? Und warum kommt die Achse dieser “Beschwerde” nach und behandelt einen ihrer Autoren, den sie einst zur Mitarbeit einlud, nun wie jemanden, der den Dienstboteneingang zu benutzen hat?

Lauter offene Fragen. Ich mag nicht mehr. Fragen Sie selbst.

Felix Rauch, ein gemeinsamer Freund von uns, hat zu der Auseinandersetzung einen Kommentar geschrieben, der an Ingo Ways Stellungnahme anknüpft. Auch diesen Kommentar gebe ich hier in kompletter Länge wieder:

Kommunistische Wölfe im Schafspelz und die Achse des Appeasement

Einige gute Freunde von mir sind – mehr oder weniger radikale – Linke. Das bleibt nicht aus, wenn man in Berlin-Kreuzberg und Umgebung wohnt. Wir trinken gerne zusammen ein Bierchen und reden über die Probleme des Alltags, vermeiden es jedoch tunlichst, über Politik zu diskutieren – aus gutem Grund. Denn dies hat in der Vergangenheit bereits mehrfach für unangenehme Situationen gesorgt. Outete ich mich als Ex-Linker, der wirtschaftliche Freiheit, Polizei und allerlei andere Begleiterscheinungen der bürgerlichen Gesellschaft eigentlich ganz ok findet, hatte ich mir allerlei anzuhören. Ich sei ein “Sektierer”, “politisch verwirrt” oder hätte halt “nicht genug (Marx & Adorno) gelesen”. Und manches Mal sagte man mir auch unverhohlen, ich gehörte “zu den ersten, die an die Wand gestellt werden wenn die Revolution kommt”.

Doch erstaunlicherweise waren und blieben sogar die Urheber solcher verbalen Entgleisungen für mich grundsympathische Menschen. Jedenfalls solange man mit ihnen nicht über politische Grundsätze redet, sondern über Jazzmusik oder die Probleme mit der Finanzierung der nächsten Miete. Oder eben über den Nahostkonflikt. Denn bekanntlich herrscht mittlerweile in einem nicht unerheblichen Teil der linksradikalen Szene ein proisraelischer Zeitgeist.

Infolgedessen treffen sich in der liberal-israelsolidarischen Blogosphäre Vertreter unterschiedlichster politischer Richtungen. Das ergibt ein für den Außenstehenden oft ziemlich unübersichtliches politisches Konglomerat. Es gibt einige Blogs, die in schöner Eintracht diverse Steinzeitkommunisten neben der Achse des Guten auf ihrer Linkliste zur Schau stellen. Und so ist es auch keineswegs verwunderlich, wenn einige der besonders eifrigen Anhänger der kommunistisch-liberalen Einheitsfront gegen den Islamfaschismus in der Öffentlichkeit als Verteidiger der liberalen Gesellschaft gegen ihre Feinde (sofern diese “Faschisten” oder religiöse Fanatiker sind) agieren.

Ein Blog gedeiht gut, wenn es Querverweise von verschiedensten politischen Lagern, die einzig eine israelsolidarische Position eint, erhält. Linksradikale Autoren reduzieren das Spektrum ihrer Meinungen in der (liberalen) Öffentlichkeit einfach auf jene, die dort gerne gelesen werden. Das heißt dann Massenlinie versus Kaderlinie. Und wenn man dann noch unter einem Pseudonym schreibt, erfährt garantiert keiner davon, wenn man an anderer Stelle von linksradikalen Sekten hofiert wird und gemeinsam gegen die Bundesrepublik Deutschland, den Kapitalismus oder – in avanciert-avantgardistischer Form – das “abstrakte Wertverhältnis” agitiert, das angeblich den Antisemitismus hervorbringt. Und wenn man dann noch gut und unterhaltsam schreibt und bereits auf eine gewisse Popularität zählen kann, werden einem die linksradikalen Umtriebe nicht einmal mehr von Eingeweihten übel genommen, sondern man wird zum gern gesehenen Gast auf liberalen Veranstaltungen. Der liberale Schafspelz tarnt gewissermaßen den kommunistischen Wolf.

Unangenehm wird es nur dann, wenn einem in ebendiesem politischen Milieu nicht nur alteingesessene Liberale begegnen, sondern auch „Renegaten“, ehemalige Linksradikale, deren Zuwendung zu liberalem Gedangengut weniger einem taktischen Kalkül als einer neu gewonnenen Überzeugung entspricht und die gemeinerweise ausplaudern, was die Wölfe so sagen, wenn sie unter sich sind und gerade keine liberale Kreide gefressen haben. Und da die Revolution sich immer noch nicht am Horizont abzeichnet, kann man jene auch nicht mal eben schnell an die Wand stellen (und die Ankündigung dessen würde auch in der Schafsherde, in die man sich eingeschlichen hat, wenig Anklang finden). Was tun? Man beschmeißt die Renegaten mit Dreck, in der Hoffnung, dass früher oder später doch etwas hängen bleibt oder dass man zumindest befürchten muss, dass man selber etwas abbekommt, wenn man in deren Nähe verweilt.

Vor ein paar Tagen veröffentlichte der ehemalige Antifa-Aktivist Michael Holmes einen Text auf der Achse des Guten, in welchem er davor warnte, dass Demokraten Bündnisse mit der linksextremen Antifa eingehen, wie es ein Autor eines anderen Blogs vorgeschlagen hatte.
Wie inzwischen an die Öffentlichkeit durchgesickert ist, fühlten sich einige Freunde der Freunde einiger Chefredakteure der Achse des Guten dadurch auf den Schlips getreten, sie würden falsch dargestellt etc. Ich vermute einfach mal, dass das nicht das erste Mal ist, dass sich jemand in einem Artikel, der auf der Achse des Guten veröffentlicht wurde, falsch dargestellt fühlt. Dieses mal jedoch führte die Verstimmung besagter Freundesfreunde zu einem bisher einmaligen Vorgang: Der Text wurde von der Chefredaktion der Achse (ohne Rücksprache mit Holmes, aber anscheinend in Rücksprache mit den Freundesfreunden) unkommentiert gelöscht, obwohl er auf anderen Blogs bereits heftig diskutiert wurde und, laut Holmes, auch schon allerlei positive wie ablehnende Zuschriften hervorgebracht hat.

Eigentlich nicht nötig zu erwähnen, dass es sich bei der Begründung des Achse-Redakteurs Michael Miersch, das Thema sei irrelevant und der Artikel sei deshalb gelöscht worden, um eine faule Ausrede handelt. Man habe mit Linksradikalen nichts am Hut” und habe deshalb auch “keine Abgrenzung nötig” . Hallo? Gehts noch? Haben sich nicht eben gerade ein paar Linksradikale darüber beschwert, dass sie falsch dargestellt würden? In dem Artikel wurde doch die Antifa kritisiert, ist man jetzt auf einmal kein Linksradikaler mehr wenn man in der Antifa organisiert ist? Vielleicht sollte die Chefredaktion der Achse mal im Verfassungsschutzbericht über die Antifa nachlesen, wer das denn so ist, der auf Texten der Achse nicht „falsch dargestellt” werden möchte.
(Es wurden im Übrigen nicht die sogenannten Antideutschen als solche kritisiert, auch wenn diese sich möglicherweise angesprochen fühlten, sondern die Autonome Antifa, wie groß die Schnittmenge zwischen beiden auch immer sein mag).

In Wirklichkeit ist der Einfluss der kommunistischen Wölfe im Schafspelz innerhalb der liberalen Blogosphäre nämlich mittlerweile so weit gestiegen, dass sie mehr Mitbestimmungsrecht darüber haben, welche Artikel auf der Achse erscheinen dürfen, als deren offizieller Autor Michael Holmes. Im Grunde ist es so skandalös, dass man es gar nicht oft genug sagen kann: Ein paar Wölfe im Schafspelz (!) beschweren sich beim Mutterschaf, dass ein anderes Schaf (das von den Wölfen zu den Schafen übergetreten ist) behaupten würde, die Wölfe würden als Bündnispartner für die Schafe nicht in Frage kommen. Das Mutterschaf (dass sich die Frage, warum sich ein paar vermeintliche Schafe denn von einer Kritik an Wölfen beleidigt fühlen, offensichtlich nicht stellt) verbietet seinem vorlauten Schaf den Mund und macht dieses auch noch für eventuelle Konflikte mit den Schafspelzwölfen verantwortlich. Ein Verhaltensmuster, dass, wenn es nicht in der Mikro- sondern in der Makropolitik auftaucht, von der Achse sonst einhellig als Appeasement gegeißelt wird.

Man mag mit den Wölfen gerne mal ein Bierchen trinken und sich über Fussball und den Nahostkonflikt unterhalten und sich in diesen Punkten einig sein – ihr Einfluss auf solch tiefgreifende Redaktionsentscheidungen der Achse des Guten ist ein Armutszeugnis für diese. Und für deren Pluralismus – dessen Bekämpfung für radikale Linke von jeher eine Herzensangelegenheit ist.

Beide Texte sind so treffend, dass ich eigentlich nichts mehr hinzuzufügen habe. Außer den Hinweis an besonders witzige (ha, ha, ich lach mich Schrott) Kommentarschreibern wie „egal“ auf dem linksextremen „Bad Blog“ („Holmes soll sich mal nicht für so wichtig halten. Der bekommt höchstens Gulag (so 10-15 Jahre). Die Wand ist nur für ganz ausgesuchte Personen: Holger Apfel, Joschka Fischer, Claudia Roth und alle Comedians von RTL. Das war es dann aber auch…“), dass sie, wenn sie es auf Michael Holmes abgesehen haben, ein paar weitere Plätze (meine Adresse steht im Impressum) vorrätig haben sollten. Auch wenn es nicht so scheint: Es gibt genug Liberale, die redlicher sind – und die einen Scheißdreck auf den ehrbaren Kommunismus geben, der wider der Natur ist.

19th November
2007
written by Tobias Blanken

… doch jetzt müssen weite Teile der Geschichte des dritten Reiches umgeschrieben werden…

In der Onlineausgabe der FAZ ist heute eine Rezension von Simon Sebag Montefiores Der junge Stalin erschienen. Die Rezension Stalin: Kindheit eines Kreml-Chefs beginnt mit folgendem Absatz:

An mindestens drei Stellen in Simon Sebag Montefiores Buch über den jungen Stalin darf der Leser hoffen, den entscheidenden Schlüssel gefunden zu haben, den, der die Tür zwischen gewöhnlichem politischem Fanatismus und blutrünstiger Perversion öffnet. Da sind, am Anfang, die Schläge: Der junge Josef, genannt Soso, wird nicht nur von seinem unberechenbaren Vater halb zu Tode geprügelt, auch seine Mutter schlägt ihn mit einer selbst für georgische Verhältnisse unerhörten Inbrunst.

In einem weiteren Absatz werden dann die Quellen des Bösen gesucht:

Mit der Frage nach Stalins Jugend unternimmt der Leser eine Reise zu den Quellen des Bösen. Stalins Untaten im großen Stil sind bekannt, aber es ist die persönliche, gewissermaßen zwischenmenschliche Perversion, die bestens mit einem gewinnenden, poetischen Charme koexistierte, die den Fall Stalin beunruhigend macht.

Das Buch – ich habe nur die Rezension gelesen – mag biographisch informativ sein. Und es ist vermutlich auch gut geschrieben. Aber Bestialität des Kommunismus aus Stalins Kinderheitserfahrungen abzuleiten ist keine Aufgabe für Wissenschaftler, sondern für Harald Schmidt.

Previous