Posts Tagged ‘Kritische Theorie’

19th December
2007
written by Tobias Blanken

Die Kritik der Kritischen Theorie in Gänze beherrschen andere deutlich besser als ich, aus aktuellem Anlass möchte ich jedoch im folgenden auf einen ein Nebenwiderspruch der Kritischen Theorie eingehen; genauer: Auf die Elemente des Antisemitismus aus Adornos und Horkheimers Dialektik der Aufklärung.

Unter der Voraussetzung, dass man einzelne Sätze und Abschnitte unabhängig von der Kapitalismus- und Gesellschaftskritik des Gesamtwerkes betrachtet (ob legitim oder nicht sei hier dahingestellt; die Aufrechterhaltung der Differenz und Einheit von Liberalismus und Faschismus durch die Kritische Theorie soll ebenfalls nicht thematisiert werden), dann findet man etliche geniale Stellen. In der sechsten These etwa heißt es: Anstatt der Stimme des Gewissens hört es Stimmen; anstatt in sich zu gehen, um das Protokoll der eigenen Machtgier aufzunehmen, schreibt es die Protokolle der Weisen von Zion den andern zu. Sprachgewaltig wird vor Augen geführt, was der Antisemitismus über das Subjekt und dem Objekt der Projektion aussagt; die Stelle kann nahtlos an Sartres Wenn es keinen Juden gäbe, der Antisemit würde ihn erfinden anknüpfen.

Deutlich häufiger findet man jedoch Stellen, die selbst unter der Ausblendung der Kapitalismuskritik äußerst problematisch sind. Die Elemente des Antisemitismus sind voll von Widersprüchen, die sich auch beim besten Willen nicht durch (eine wie auch immer geartete) Dialektik aufheben lassen. Beispiel: Die ersten sechs Thesen sind von der Anstrengung durchzogen, die Besonderheiten des Antisemitismus aufzuzeigen. Dennoch fällt in der zweiten These der Satz Und wie die Opfer untereinander auswechselbar sind, je nach der Konstellation: Vagabunden, Juden, Protestanten, Katholiken, kann jedes von ihnen anstelle der Mörder treten, in derselben blinden Lust des Totschlags, sobald es als die Norm sich mächtig fühlt. Aller historischen Erfahrungen zum Trotz werden Täter und Opfer als beliebig austauschbar dargestellt, als wenn es nur ein Zufall gewesen wäre, dass die Deutschen die Juden umgebracht haben – und eben nicht umgekehrt. Adorno und Horkheimer könnten hier durchaus auch als Stichwortgeber für diejenigen fungieren, die ständig so widerlichen geistigen Schwachsinn wie die Muslimen sind die Juden von heute von sich geben. Die siebte These ist aus dieser Hinsicht besonders problematisch, da unter den wunderbar klingenden Begriffen des Tickets und der Ticketmentalität die Besonderheit des Antisemitismus und selbst des Holocausts zu verschwinden droht.

Ebenso widerspruchsvoll und problematisch verhält es sich mit dem eigentlichen Nebenwiderspruch dieses Posts. Lizas Welt hat heute folgendes zur Einleitung eines (ansonsten lesenswerten, zumindest für Personen mit Interesse an Szenediskussionen) Artikels geschrieben:

Manche Sätze gehören einfach in Stein gemeißelt: „Der eigentliche Gewinn, auf den der Volksgenosse rechnet, ist die Sanktionierung seiner Wut durchs Kollektiv“, schrieben Horkheimer und Adorno einmal über die maßgeblichen Triebkräfte des Antisemitismus, und: „Je weniger sonst herauskommt, um so verstockter hält man sich wider die bessere Erkenntnis an die Bewegung. Gegen das Argument mangelnder Rentabilität hat sich der Antisemitismus immun gezeigt.“ Es war dies nicht zuletzt eine Kritik des Ökonomismus, wie ihn die Kommunisten betrieben, die in Auschwitz, Treblinka und Majdanek bloß die Kulmination der Verbrechen des Monopolkapitals, die ultimative Konsequenz ungehemmten Profitstrebens also, erkennen wollten. Dass die Vernichtung der europäischen Juden um ihrer selbst willen geschehen und keiner gewöhnlichen Kosten-Nutzen-Rechnung gefolgt sein könnte, war für die Revolutionäre schlicht undenkbar.

Ehrlich gesagt wünschte ich, man könnte dieses so stehen lassen. Aber in den Elementen des Antisemitismus finden sich mehrere Aussagen, die zeigen, dass auch Adorno und Horkheimer im plattesten Ökonomismus der Kommunisten gefangen blieben. Gleich in der ersten These fällt der Satz Den Arbeitern, auf die es zuletzt freilich abgesehen ist, sagt es aus guten Gründen keiner ins Gesicht, der aus dem Antisemitismus die ordinäre kommunistische Betrachtung eines Ablenkungsmanövers macht. Der Satz könnte so auch in den Schulbüchern der DDR oder den Faschismustheorien eines Reinhard Kühnl stehen, wo der Holocaust beständig zu einem Kollateralschaden beim Hobeln an der ach so tollen Arbeiterbewegung verkommt.

Die Genossen Dimitroff und Kuusinen lassen in der zweiten These (wenige Zeilen über dem von Lizas Welt verwendeten Zitat) grüßen, wenn es da heißt Seine Zweckmäßigkeit für die Herrschaft liegt zutage. Er wird als Ablenkung, billiges Korruptionsmittel, terroristisches Exempel verwandt. Die respektablen Rackets unterhalten ihn, und die irrespektablen üben ihn aus. [...] Die hohen Auftraggeber freilich, die es wissen, hassen die Juden nicht und lieben nicht die Gefolgschaft. In die selbe Kerbe eines Ökonismus, dessen Geistesgehalt dem einer Verschwörungstheorie entspricht, schlägt auch die siebte These, wenn es dort heißt Anstelle der antisemitischen Psychologie ist weithin das bloße Ja zum faschistischen Ticket getreten, dem Inventar der Parolen der streitbaren Großindustrie.

Der von den Kommunisten so heiß geliebte Klassencharakter des Faschismus findet sich auch in der sechsten These: In solcher Macht bleibt es dem von der Partei gelenkten Zufall überlassen, wohin die verzweifelte Selbsterhaltung die Schuld an ihrem Schrecken projiziert. Vorbestimmt für solche Lenkung sind die Juden. Die Zirkulationssphäre, in der sie ihre ökonomischen Machtpositionen besaßen, ist im Schwinden begriffen. Die liberalistische Form des Unternehmens hatte den zersplitterten Vermögen noch politischen Einfluß gestattet. Jetzt werden die eben erst Emanzipierten den mit dem Staatsapparat verschmolzenen, der Konkurrenz entwachsenen Kapitalmächten ausgeliefert.

Kurz und gut: Einige Stellen aus den Elementen des Antisemitismus sind klasse – aber als eine Kritik des Ökonomismus, wie ihn die Kommunisten betrieben sind die Elemente unbrauchbar, schlimmer noch: Sie sind selbst im Ökonomismus gefangen.