Posts Tagged ‘Marx’

11th March
2008
written by Tobias Blanken

Drei Lesehinweise, die nur wenig miteinander zu tun haben.

Alan Posener “rettet Marx vor den Linken”. Genauer: Insbesondere vor den globalisierungs- und fortschrittsfeindlichen Linken. Natürlich nicht, ohne auch die Abgründe des Marxismus aufzuzeigen. Der Sozialdarwinist. Was von Marx übrig bleibt:

125 Jahre nach seinem Tod geht das Gespenst des Philosophen der Revolution immer noch um. Seine rechtmäßigen Erben seien aber weder französische Salonmarxisten noch deutsche Postkommunisten, sondern amerikanische Neocons und europäische Bürokraten, meint Alan Posener.

Den Neocons jetzt auch noch Marx in die Schuhe schieben zu wollen verursacht zwar einige Bauchschmerzen, aber der Essay ist trotzdem lesenswert. Bei den europäischen Bürokraten würde ich ihm dafür umso heftiger zustimmen. Apropos Marx: Ein ehemaliger Marxist, der aus Marxscher Sicht als schwerstabhängiger Opium-Junkie bezeichnet werden müsste, macht sich in der WELT Gedanken über Mohammed und den Humor. Die Rede ist von Peter Schütt, der vom Parteigänger der DKP zum Islam konvertierte und hier schon den Spitznamen Mullah Schütt verpasst bekommen hat. Der Artikel Mohammed lachte oft und gern hat mich angesichts des Spitznamens überrascht, da Schütt a) fordert, “dass Muslime sich dafür einsetzen sollten, dass die letzten Reste des Gotteslästerungsparagrafen aus dem Strafgesetzbuch gestrichen werden” und b) auch keinen Mantel des Schweigens über den Judenhass in der islamischen Community ausbreitet.

Heute jedoch scheint den Muslimen das Lachen vergangen zu sein. Die satirische Tradition der islamischen Kultur ist offenbar gänzlich versiegt. Überall treten die Hüter der islamischen Korrektheit auf den Plan, um jeden Spaß und Spott schon im Ansatz zu ersticken – vor allem dann, wenn er von außerhalb kommt.

Dennoch sind auch Muslime lernfähig. Ausgerechnet im erzkatholischen Paderborn wurde kürzlich ein türkischer Muslim zum Schützenkönig gewählt. Vielleicht schafft es demnächst auch ein Muslim bis zum Kölner Karnevalsprinzen.

Als norddeutscher Fischkopp ist mir zwar nicht ganz klar, was Kölner Karneval mit Humor zu tun hat – aber man muss ja auch nicht alles verstehen. Derweil steht in der marxistisch (mal mehr, mal weniger, vergleichbar mit den Gezeiten an der Nordseeküste) beeinflussten Konkret ein Interview mit dem irakischen Blogger Omar Fadhil:

Immer noch gibt es im Irak Terroranschläge und Kämpfe zwischen rivalisierenden Banden. Doch im Vergleich zu der Situation Anfang 2007 ist die Zahl der Gewalttaten deutlich zurückgegangen. Da seither auch das Interesse der europäischen Medien an der Entwicklung des Landes nachgelassen hat, muß man sich auf andere Art informieren, etwa über Blogs. Einer der vielen irakischen Blogger ist der 28jährige Omar Fadhil. Er war früher Zahnarzt in einem konfessionell gemischten Stadtteil Bagdads. Seit 2007 studiert er Internationale Beziehungen an der Columbia-Universität New York.

Mehr unter “Es hat noch keinen Wendepunkt gegeben”.

20th January
2008
written by Tobias Blanken

Was wirklich ist, ist vernünftig, und was vernünftig ist, ist wirklich

(Hegel)

Nach Hegel sind wir alle (samt allen Ereignissen) nur Durchgangsstadien im welthistorischen Prozess, der auf das Ziel der Geschichte zustrebt. Ganz zu sich gefunden hat der Weltgeist zum ersten Mal in seiner, Hegels, Philosophie – der Mann litt definitiv nicht an Selbstzweifeln. Das Ganze war bekanntlich das Wahre, wir leben in einer vernünftigen Welt, in der sich die Geschichte als Fortschritt im Sinne menschlicher Freiheit niederschlägt. Marx hingegen postulierte “die Menschen machen ihre eigene Geschichte, aber sie machen sie nicht aus freien Stücken, nicht unter selbstgewählten, sondern unter unmittelbar vorgefundenen, gegebenen und überlieferten Umständen.” Er stellte Hegel damit zwar auf den Kopf – vom Weltgeist blieb in in dem gesellschaftlichen Sein, dass das Bewußtsein bestimmt, nicht mehr viel über – aber ebenso wie all die anderen Links- und Rechtshegelianer ging er von einer Gesetzmäßigkeit der Geschichte aus. So wie die heutigen Marxisten bei jeder kleineren oder mittleren Finanzkrise das Ende des Kapitalismus und die zukünftige Revolution kommen sehen, ging es schon Marx und Engels – schließlich haben sie alle den ultimativen Plan der Weltgeschichte (dem sich die Wirklichkeit jedoch hartnäckig verweigert – was an die Weltuntergangspropheten diverser Sekten, die sich auch durch den x-ten Weltuntergangsausfall nicht beeindrucken lassen, erinnert). Adorno schließlich postulierte, dass das Ganze das Falsche sei – der Liberalismus habe sich selbst verfehlt; die Geschichtsbetrachtung, die stärker vom Weltenschmerz samt fassungsloser Traurigkeit als vom Weltgeist lebt, ist aber trotz allem nur eine Negation von Hegels Bewertungen; auch Adorno bleibt im hegelianischen Denken gefangen.

Lange Vorrede, kurzer Sinn: In der Tradition des deutschen Idealismus ist man davon ausgegangen, dass nach dem Ende des kalten Krieges erstmal eine Friedensdividende kassiert werden könnte, weil sich die freiheitliche Demokratie nun wie das Amen in der Kirche auf der ganzen Welt ausbreiten würde. Selbst der 11. September konnte diesen Determinismus (zumindest im alten Europa) nicht beschädigen, man war zwar gezwungen, sich mit der Rückkehr der elementaren Menschenverachtung und Barbarei auseinanderzusetzen, aber man vertraut im Grunde noch immer darauf, dass die Grundparameter intakt seien: Ein mehr an Entwicklungshilfe, interkultureller Dialog und weniger Demütigungen für die islamische Welt würden schon dafür sorgen, dass der Islamist in Zukunft neben dem Koran auch das Jahrbuch von Amnesty International verschlingen würde. Und über alles andere könnte man ja in der UN reden – ein wenig kritischen Dialog, und schon merken die Diktatoren, dass sie sich auf dem geschichtlichen Abstellgleis befinden und werden in Folge zu lupenreinen Demokraten.

Eine schöne Vorstellung, gewiss. Doch selbst die Süddeutsche Zeitung kommt nicht umhin, den Jahresbericht von Freedom House zur Kenntnis zu nehmen (Flüchtige Freiheit):

Aufstände, Militärjunta und Wahlfälschung: Die Demokratie ist weltweit auf dem Rückzug. Schuld seien “pragmatische Diktaturen” wie Russland und China, analysiert eine US-Organisation.

Die renommierte US-Organisation Freedom House, die sich der Verbreitung demokratischer Werte verschrieben hat, spricht gar von einer Zeitenwende. Die Freiheit, heißt es in ihrem Jahresbericht, befinde sich global auf dem Rückzug. Freedom House hat alle Staaten der Welt untersucht und deren Demokratisierung danach bemessen, wie frei die Wahlen, wie umfassend das Versammlungsrecht und wie unabhängig Medien und Justiz sind.

Demzufolge haben im Jahr 2007 38 Staaten Freiheitsrechte eingeschränkt, nur zehn bauten sie aus. Erstmals seit eineinhalb Jahrzehnten registrierte Freedom House einen Rückgang der Freiheit in zwei aufeinanderfolgenden Jahren.

At least: Freedom is not for free.

8th November
2007
written by Tobias Blanken

Es ist möglich, daß ich mich blamiere. Indes ist dann immer mit einiger Dialektik zu helfen. Ich habe natürlich meine Aufstellungen so gehalten, daß ich im umgekehrten Fall auch Recht habe.

(Marx an Engels, 1857 (MEW 29, 161))

Der Präsident sagt, dass er gegen die Presse und die Richter vorgehen musste, um den Terrorismus zu bekämpfen. Das ist sehr ironisch. Die Menschen, die er verhaften lässt, sind Säkulare und fortschrittlich eingestellt. Den Terroristen aber bietet er Verhandlungen an.

(Asma Jahangir, pakistanische Menschenrechtlerin, über die Repression von Präsident Musharraf)