Posts Tagged ‘Nanny State’

2nd October
2009
written by Tobias Blanken

Aus dem ZEIT-Artikel “Schönheitswahn: Zu dünn, um wahr zu sein“:

Jo Swinson, Mitglied der britischen Liberalen, mag keine Werbeplakate, auf denen Frauen perfekt aussehen. Ihr Zorn richtet sich gegen Bilder von Frauen, denen man mit Hilfe moderner Bildbearbeitung eine Rundung oder eine Falten zuviel entfernt hat. “Wenn Teenager und Frauen diese Bilder sehen, werden sie am Ende unglücklich mit sich selbst“ sagte Swinson zuletzt in einem Interview mit der International Herald Tribune. Ihren Vorschlag, eine Kennzeichnungspflicht für Werbeanzeigen einzuführen, hat die drittgrößte Partei Großbritanniens jetzt in ihr Wahlprogramm aufgenommen. Für Werbung, die sich an Kinder unter 16 Jahren richtet, soll sogar ein vollständiges Verbot von bearbeiteten Fotos ergehen.

In Frankreich kämpft Válerie Boyer für naturbelassene Frauenbilder. Sie ist Mitglied in der UMP, der Partei Nicolas Sarkozys. Boyer hat unlängst mit einer Gruppe von etwa 50 Abgeordneten in der französischen Nationalversammlung einen Gesetzentwurf vorgelegt, der den Einsatz von Programmen wie Photoshop kontrollieren will. Es gehe ihr darum, die “irreführenden und standardisierten Körperbilder” zu bekämpfen, sagte Boyer der französischen Zeitung La Croix. Diese verleiteten vor allem Frauen zu dem Glauben, immer jung und schön sein zu müssen. “Das führt schon im jungen Alter zu Komplexen”, glaubt sie. Auch Kunstfotos und politische Kampagnen sollen unter die neue Regelung fallen.

Irreführende und standardisierte männliche Körperbilder, ca. 200 vor Christus:

Laocoon und Söhne

Laocoon und seine Söhne*

*Das Bild ist unter der Creative Commons Attribution ShareAlike 3.0 License lizenziert. Autor/ Quelle: JuanMa/ Wikipedia

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21st September
2009
written by Tobias Blanken

Staatsfetisch 2.0:

Konkret erhoffen sich die Piraten von einem Internet-Ministerium, dass sozial Schwache, ältere Menschen und Geringqualifizierte nicht nur sozialverträglich einen Internetzugang erhalten, sondern dass ihnen auch beigebracht wird, mit dem Medium umzugehen. Eine Abteilung “Sicherheit und Krisenmanagement” soll für mehr Sicherheit im Netz sorgen und vor allem die deutschen Behörden technisch auf den neuesten Stand bringen. Eine weitere Abteilung mit dem Aufgabenbereich “Digitale Allmende und Informationskultur” soll gewährleisten, dass all die Infos im Netz auch künftig frei zur Verfügung gestellt werden. Und eine der wichtigsten Aufgaben des Ministeriums wird nach Ansicht der Piraten sein, dass die Entwicklung zur Informationsgesellschaft nicht allein privaten Interessen untergeordnet wird. Stattdessen soll ein staatliches Gremium dafür sorgen, dass von den technischen Errungenschaften alle etwas haben.

Aus der taz: Regierungsprogramm der Piratenpartei – Piraten fordern Internetminister

1st May
2009
written by Tobias Blanken

Frank Patalong hat sich jetzt auch der europäischen Cookie-Bürokratie angenommen:

Die EU-Ratspräsidentschaft versucht, ein Zustimmungsverfahren zu Cookies einzuführen. Das klingt zunächst nach einer langweiligen Marginalie. Bis man begreift, dass Sie mehrere Einverständniserklärungen hätten unterzeichnen müssen, um auch nur diese Zeilen zu lesen.

Mehr auf SPIEGEL ONLINE: Wie die EU Internet-Nutzer nerven will.

29th April
2009
written by Tobias Blanken

Mensch, vollkommen dumm, ungebildet und ohne Eigenverantwortung. Jedenfalls, wenn es nach dem Menschenbild des tschechischen Vorsitz des Rates der Europäischen Union geht. Schließlich kann man es ja keinem Europäer zutrauen oder zumuten, hier selbstständig und eigenverantwortlich ein Kreuz zu machen:

Cookies Firefox

Cookies Firefox

Neues EU-Gesetz gefährdet digitale Wirtschaft:

Ein neuer EU-Gesetzesentwurf sieht vor, dass sich Nutzer beim Surfen im Internet mit dem Speichern jedes einzelnen Cookies einverstanden erklären müssten. Der Bundesverband digitale Wirtschaft schlägt Alarm: Der Entwurf würde die digitale Wirtschaft in ganz Europa gefährden.

11th April
2009
written by Tobias Blanken

Tschechiens scheidender Außenminister Karel Schwarzenberg in einem SZ-Interview:

Deutschland unterliegt seit jeher dem Glauben, dass mit neuen Vorschriften und Regeln die Welt gerettet wird. Das geschieht höchst selten.

Derweil findet in Deutschland – man hätte es nicht für möglich gehalten – eine kleine Revolution des Einkaufens statt. Die Fertigverpackungs-Verordnung wird aufgehoben. Von nun an sind für die meisten Produkte in Deutschland fast alle Verpackungsgrößen erlaubt – ausgenommen sind Wein und Spirituosen. Nun liegt es an den Herstellern und Einzelhändlern, ob die Schokolade 100 Gramm wiegt, 20 Gramm oder ein Kilogramm. Was wiederum den Bundesverband der Verbraucherzentralen auf den Plan ruft:

Der Bundesverband der Verbraucherzentralen befürchtet, dass die Kunden durch Mogelpackungen hinters Licht geführt werden könnten: “Das ist eine der für die Verbraucher überflüssigsten Neuregelungen der zurückliegenden Jahre”, findet Verbandsvorstand Gerd Billen.

Unübersichtlichkeit und Chaos im Supermarkt seien die mögliche Folge. Der Verband rät den Konsumenten, beim Einkauf genau die Mengenangaben auf der Packung zu prüfen und sich bei Preisvergleichen am Grundpreis zu orientieren.

Was eine formidable Beleidigung des Verbrauchers ist. Denn der Verband sagt recht eindeutig, dass er den Verbraucher für saudumm hält. Dass er davon ausgeht, dass der Verbraucher bereits mit minimalen Rechenaufgaben geistig überfordert ist. Und dass man diesem geistig beschränkten Verbraucher deshalb keine Änderungen zumuten darf.

Ein ziemlich widerliches Menschenbild, was massiver staatlicher Bevormundung Tür und Tor öffnet. Als wäre der Mensch nur ein tierisches Reaktionsbündel, frei von Vernunft und Verstand. Als hätte es die Aufklärung nie gegeben. Als hätte Immanuel Kant nie die Frage beantwortet, was Aufklärung ist. Wie heißt es bei Kant doch so treffend:

Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines andern zu bedienen. Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! ist also der Wahlspruch der Aufklärung.

Faulheit und Feigheit sind die Ursachen, warum ein so großer Teil der Menschen, nachdem sie die Natur längst von fremder Leitung freigesprochen, dennoch gerne zeitlebens unmündig bleiben; und warum es anderen so leicht wird, sich zu deren Vormündern aufzuwerfen. Es ist so bequem, unmündig zu sein. Habe ich ein Buch, das für mich Verstand hat, einen Seelsorger, der für mich Gewissen hat, einen Arzt, der für mich die Diät beurteilt usw., so brauche ich mich ja nicht selbst zu bemühen. Ich habe nicht nötig zu denken, wenn ich nur bezahlen kann; andere werden das verdrießliche Geschäft schon für mich übernehmen. Daß der bei weitem größte Teil der Menschen (darunter das ganze schöne Geschlecht) den Schritt zur Mündigkeit, außer dem daß er beschwerlich ist, auch für sehr gefährlich halte, dafür sorgen schon jene Vormünder, die die Oberaufsicht über sie gütigst auf sich genommen haben. Nachdem sie ihr Hausvieh zuerst dumm gemacht haben und sorgfältig verhüteten, daß diese ruhigen Geschöpfe ja keinen Schritt außer dem Gängelwagen, darin sie sie einsperreten, wagen durften, so zeigen sie ihnen nachher die Gefahr, die ihnen drohet, wenn sie es versuchen, allein zu gehen. Nun ist diese Gefahr zwar eben so groß nicht, denn sie würden durch einigemal Fallen wohl endlich gehen lernen; allein ein Beispiel von der Art macht doch schüchtern und schreckt gemeiniglich von allen ferneren Versuchen ab.

Es ist also für jeden einzelnen Menschen schwer, sich aus der ihm beinahe zur Natur gewordenen Unmündigkeit herauszuarbeiten. Er hat sie sogar liebgewonnen und ist vorderhand wirklich unfähig, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen, weil man ihn niemals den Versuch davon machen ließ. Satzungen und Formeln, diese mechanischen Werkzeuge eines vernünftigen Gebrauchs oder vielmehr Mißbrauchs seiner Naturgaben, sind die Fußschellen einer immerwährenden Unmündigkeit. Wer sie auch abwürfe, würde dennoch auch über den schmalesten Graben einen nur unsicheren Sprung tun, weil er zu dergleichen freier Bewegung nicht gewöhnt ist. Daher gibt es nur wenige, denen es gelungen ist, durch eigene Bearbeitung ihres Geistes sich aus der Unmündigkeit herauszuwickeln und dennoch einen sicheren Gang zu tun.

Ein 225 Jahre alter Text, der aktueller denn je ist. Jedenfalls dann, wenn man die Geisteshaltung der Verbraucherverbände als Maßstab nimmt.

1st March
2009
written by Tobias Blanken

Evelyn Finger rezensiert in der ZEIT Corpus Delicti von Juli Zeh:

Juli Zeh stellt sich den Staat als Gesundheitsdiktatur vor. In ihrer scharfsinnigen Zukunftsvision “Corpus Delicti” ist der perfekte Körper das höchste Gut.

Alles beginnt mit einem weiten Kameraschwenk über die stille Oberfläche des Planeten, wie er Mitte dieses Jahrhunderts vielleicht aussehen wird. Saubere Städte, umrankt von sauberer Natur und geputzten Industrieruinen. Solaranlagen neben Magnetbahntrassen. Geflutete Tagebaue, deren glatte Oberflächen den entgötterten Himmel spiegeln. Nur Google Earth blickt noch aus der Vogelperspektive auf die Schöpfung herab, und wenn man näher ranzoomt, landet man in einem deutschen Amtsgericht, das soeben einen Fall nachlässiger Gesundheitsvorsorge verhandelt. Eine junge Frau namens Mia Holl hat ihren »Schlafbericht« nicht eingereicht, ihren Blutdruck nicht gemessen und ihre sportliche Leistungskurve absacken lassen. Wegen dieser Pflichtvergessenheit gegenüber sich selbst, die eine Schlamperei gegenüber der Gemeinschaft ist, weil das Selbst als deren kleinste Funktionseinheit ständiger Kontrolle bedarf, wird die Delinquentin zunächst verwarnt.

Mehr in der ZEIT: Das Buch der Stunde.

18th February
2009
written by Tobias Blanken

Jochen Bittner über das Glühbirnenverbot:

Anhand des Abstimmungsverhaltens lassen sich nun immerhin grobe Parteienverantwortlichkeiten für das Glühbirnenverbot identifizieren. Die Sozialdemokraten stimmten bis auf einen Abgeordneten gegen eine Befassung durch das gesamte Parlament. Die Grünen stimmten geschlossen dagegen – und rühmten sich anschließend eines Sieges über den „schwarz-gelben Block der Fortschrittsverweigerer“. Was hinsichtlich der Schwarzen halb falsch und hinsichtlich der Gelben ganz falsch ist.

Denn von den 22 Vertretern der Konservativen im Umweltausschuss stimmten 12 für eine Befassung des EP und 10 dagegen. Von den 8 liberalen Abgeordneten stimmte lediglich einer, ein Deutscher, für eine Plenumsbefassung. Wie kann das sein?, wollen wir von der Pressestelle der Liberalen wissen. Glauben jetzt nicht mal mehr die an den freien Markt und den verantwortlichen Bürger? Nun ja, heißt es, der deutsche Liberale im Ausschuss tue das schon, aber die Fraktionskollegen aus Großbritannien etwa neigten in Umweltfragen „eher zu einem grünen Verhalten.“

Jochen Bittner: Wer war das?

29th November
2008
written by Tobias Blanken

Oder: Vielfalt vs. Harmonie

Im Blog Wirtschaftliche Freiheit wird der Ruf nach bundesweit einheitlichen Rauchverboten anstelle von länderspezifischen Regelungen auf einleuchtende Art und Weise seziert:

Obwohl das vorangehende Argument für regionale Vielfalt und die Erlaubnis mit unterschiedlichen Regelsystemen zu experimentieren, ziemlich einleuchtend scheint, erfreut es sich so geringer Beliebtheit, dass man sich nach weiteren Gründen für die Unbeliebtheit der Vielfalt und die Beliebtheit der Einheitlichkeit fragen muss. Einer dieser Gründe besteht gewiss darin, dass das „Bauchgefühl“ vieler Menschen diesen nahe legt, in Harmonie etwas Gutes und in Vielfalt und Konkurrenz eher etwas Unangenehmes zu erblicken. So wie das Wort „Flickenteppich“ negative Assoziationen transportiert, so transportiert der Begriff der „Harmonie“ positive Einstellungen und Bewertungen. Zwar wettert man gegen „die in Brüssel“ oder „die in Berlin“, doch will man weiterhin über die jeweiligen Zentralen die jeweils bevorzugten Regelungen unter dem Deckmantel der „Harmonisierung“ für alle verbindlich durchsetzen. Man vergisst darüber, dass man für die Möglichkeit, die von einem selbst gewünschten einheitlichen Regelungen für alle durchzusetzen, den Preis zahlt, dass andere mit dem gleichen Instrument die von ihnen bevorzugten Regelungen durchsetzen können.

Mehr auf Deutschland ein Flickenteppich?

11th December
2007
written by Tobias Blanken

Shining City proudly presents: Public Enemy No. 1

Public Enemy: Keira Knightley

Zusammen mit Politikerinnen der Grünen im Bundestag stellten gestern Vertreter des Lettevereins in Schöneberg und Schüler der Einrichtung öffentlichen Rechts einen Antrag an den Bundestag vor, der die Maße von Models in Zukunft regeln soll. Darin fordern die Grünen beispielsweise die Bundesregierung auf, sich für eine Selbstverpflichtung der Unternehmen und Agenturen einzusetzen, keine Verträge mit untergewichtigen Models abzuschließen beziehungsweise diese nicht in ihre Kartei aufzunehmen.

(DER TAGESSPIEGEL. References: B.L.O.G. via Zeitrafferin)

Als in Spanien das staatlich bestimmte (und per Gesetz exekutierte) Schönheitsideal eingeführt wurde, habe ich meinen BMI ausgerechnet. Ich dürfte dort tatsächlich noch als Model arbeiten – vorausgesetzt, ich würde nicht 4 Kilo abnehmen, dann wäre ich nämlich ebenfalls eine Gefahr für die Volksgesundheit.