Posts Tagged ‘Neocons’

22nd June
2010
written by Tobias Blanken

There are many sources of fear in world politics — terrorist attacks, natural disasters, climate change, financial panic, nuclear proliferation, ethnic conflict, and so forth. Surveying the cultural zeitgeist, however, it is striking how an unnatural problem has become one of the fastest-growing concerns in international relations. I speak, of course, of zombies.

The best (and most hilarious) introduction to the theories of international relations I’ve ever read. Daniel W. Drezner on Zombies, Realists, Liberals and Neocons:

What follows is an attempt to satiate the ever-growing hunger for knowledge about how zombies will influence the future shape of the world. But this is a difficult exercise: Looking at the state of international relations theory, one quickly realizes the absence of consensus about the best way to think about global politics. There are multiple paradigms that attempt to explain international relations, and each has a different take on how political actors can be expected to respond to the living dead.

I. The No-Drama School of Zombie Realpolitik:

How would the introduction of flesh-eating ghouls affect world politics? The realist answer is simple if surprising: International relations would be largely unaffected. Although some would see in a zombie invasion a new existential threat to the human condition, realists would be unimpressed by the claim that the zombies’ arrival would lead to any radical change in human behavior. To them, a plague of the undead would merely echo older plagues, from the Black Death of the 14th century to the 1918 influenza pandemic. To paraphrase Thucydides, the realpolitik of zombies is that the strong will do what they can and the weak must suffer devouring by reanimated, ravenous corpses.

II. Unite-to-Fight-Zombie Liberals:

And what would liberals do after a ghoul invasion? Provided that the initial spread of zombies did not completely wipe out governments, the liberal expectation would be that an international counterzombie regime could make significant inroads into the problem. Given the considerable public-good benefits of wiping the undead from the face of the Earth, significant policy coordination seems a likely response.

The liberal paradigm would predict an outcome that would not be perfect and would be quite vulnerable to political criticism over time — much like the European Union. That said, the system would also be expected to function well enough to ward off a total zombie apocalypse. Zombie flare-ups would no doubt take place. Quasi-permanent humanitarian counterzombie missions, perhaps under United Nations auspices, would likely be necessary in failed states.

III. Neoconservatism and the Axis of Evil Dead:

The neoconservative policy response to an undead uprising would be simple and direct. To paraphrase Robert Kagan, humans are from Earth, and zombies are from hell. Neither accommodation nor recognition would be sustainable options in the face of the zombie threat. Instead, neocons would recommend an aggressive and militarized response to ensure human hegemony. Rather than wait for the ghouls to come to them, they would pursue offensive policy options that take the fight to the undead. A pre-emptive strike against zombies would, surely, be a war against evil itself.

A must read. Daniel W. Drezner at Foreign Policy: Night of the Living Wonks. Toward an international relations theory of zombies.

UPDATE: Marco Werman interviews Daniel W. Drezner on the Zombie Menace (Podcast/mp3): >Click<

UPDATE II: According to Daniel Nixon, the zombie wars will make the United States more powerful than ever. Foreign Policy: America’s Triumph Over the Zombie Horde

11th March
2008
written by Tobias Blanken

Drei Lesehinweise, die nur wenig miteinander zu tun haben.

Alan Posener “rettet Marx vor den Linken”. Genauer: Insbesondere vor den globalisierungs- und fortschrittsfeindlichen Linken. Natürlich nicht, ohne auch die Abgründe des Marxismus aufzuzeigen. Der Sozialdarwinist. Was von Marx übrig bleibt:

125 Jahre nach seinem Tod geht das Gespenst des Philosophen der Revolution immer noch um. Seine rechtmäßigen Erben seien aber weder französische Salonmarxisten noch deutsche Postkommunisten, sondern amerikanische Neocons und europäische Bürokraten, meint Alan Posener.

Den Neocons jetzt auch noch Marx in die Schuhe schieben zu wollen verursacht zwar einige Bauchschmerzen, aber der Essay ist trotzdem lesenswert. Bei den europäischen Bürokraten würde ich ihm dafür umso heftiger zustimmen. Apropos Marx: Ein ehemaliger Marxist, der aus Marxscher Sicht als schwerstabhängiger Opium-Junkie bezeichnet werden müsste, macht sich in der WELT Gedanken über Mohammed und den Humor. Die Rede ist von Peter Schütt, der vom Parteigänger der DKP zum Islam konvertierte und hier schon den Spitznamen Mullah Schütt verpasst bekommen hat. Der Artikel Mohammed lachte oft und gern hat mich angesichts des Spitznamens überrascht, da Schütt a) fordert, “dass Muslime sich dafür einsetzen sollten, dass die letzten Reste des Gotteslästerungsparagrafen aus dem Strafgesetzbuch gestrichen werden” und b) auch keinen Mantel des Schweigens über den Judenhass in der islamischen Community ausbreitet.

Heute jedoch scheint den Muslimen das Lachen vergangen zu sein. Die satirische Tradition der islamischen Kultur ist offenbar gänzlich versiegt. Überall treten die Hüter der islamischen Korrektheit auf den Plan, um jeden Spaß und Spott schon im Ansatz zu ersticken – vor allem dann, wenn er von außerhalb kommt.

Dennoch sind auch Muslime lernfähig. Ausgerechnet im erzkatholischen Paderborn wurde kürzlich ein türkischer Muslim zum Schützenkönig gewählt. Vielleicht schafft es demnächst auch ein Muslim bis zum Kölner Karnevalsprinzen.

Als norddeutscher Fischkopp ist mir zwar nicht ganz klar, was Kölner Karneval mit Humor zu tun hat – aber man muss ja auch nicht alles verstehen. Derweil steht in der marxistisch (mal mehr, mal weniger, vergleichbar mit den Gezeiten an der Nordseeküste) beeinflussten Konkret ein Interview mit dem irakischen Blogger Omar Fadhil:

Immer noch gibt es im Irak Terroranschläge und Kämpfe zwischen rivalisierenden Banden. Doch im Vergleich zu der Situation Anfang 2007 ist die Zahl der Gewalttaten deutlich zurückgegangen. Da seither auch das Interesse der europäischen Medien an der Entwicklung des Landes nachgelassen hat, muß man sich auf andere Art informieren, etwa über Blogs. Einer der vielen irakischen Blogger ist der 28jährige Omar Fadhil. Er war früher Zahnarzt in einem konfessionell gemischten Stadtteil Bagdads. Seit 2007 studiert er Internationale Beziehungen an der Columbia-Universität New York.

Mehr unter “Es hat noch keinen Wendepunkt gegeben”.

17th February
2008
written by Tobias Blanken

Die Demokratie wird in Deutschland keine Wurzeln schlagen, weil es sich um eine ausländische Ideologie handelt.

(Der protestantische Bischof Otto Dibelius im Sommer 1945)

Eventuelle Assoziationen, die das kulturrelativistische Ressentiment gegenüber den Neocons betreffen, sind selbstverständlich zufälliger Natur und von mir nicht gewollt. Ehrlich.

You’re so pretty when you’re unfaithful to me

(Pixies – Bone Machine)

15th November
2007
written by Tobias Blanken

Und ihr Gewissen wird sie dann gut schlafen lassen, lieber zehnmal Verständnis als einmal zu hassen / Und humanistische Werte lehren / während irgendwo Menschen vor Hunger sterben / Pazifistische Werte lehren / während irgendwo Menschen vor Hunger sterben.
Und ab und zu auf Demos gehen, Grün wählen, Spiegel lesen, Sting hören, Greenpeace spenden – Sich bewusst ernähren.

(But Alive – Betroffen aufessen)

Mehr als vier Jahre nach dem Sturz der Baathisten dämmert es manchem deutschen Beobachter, dass der reale Irak sich in vielerlei Hinsicht von dem Irak unterscheidet, den sie sich in ihrem Antikriegsfuror imaginiert haben. Die liebgewonnene Gewissheit, dass die Vereinigten Staaten im Irak ein zweites Vietnam erleben, da der Irak sich in einen failed state verwandelt, kollidiert langsam, aber sicher mit der Realität. Die Statistiken der vergangenen Monate sind so eindeutig, dass das Bild eines einzigen Desasters zunehmend durch eine Sichtweise ersetzt wird, die sinngemäß etwa so lautet: Natürlich ist Bush blöd, Krieg ist immer und grundsätzlich falsch, aber vielleicht sind die Araber ja auch Menschen und auch sie wollen wie wir in Freiheit über ihr Leben entscheiden.

Eine der bemerkenswertesten Revidierung überholter Selbstgewissheiten stand vor zwei Monaten ausgerechnet im Spiegel, der bis dahin vornehmlich als antiamerikanisches Sturmgeschütz fungierte. Gabor Steingart hat dort den ehernen Grundsatz deutscher Pazifisten verletzt, indem er in Mein Berlin, ihr Bagdad von sich auf die Iraker geschlossen hat:

Wenn John F. Kennedy während der Berlin-Krise auf Meinungsumfragen gehört hätte, wären die USA rasch abgezogen. Diese alte amerikanische Standfestigkeit wünscht sich Gabor Steingart auch im Irak – und er fordert: durchhalten, gemeinsam geduldig sein.

Steingart hat in dem Artikel das Durchhalten nicht als Selbstzweck gesehen, noch hat er das Durchhalten mit dem hierzulande weit verbreiteten Wunsch nach Stabilität um jeden Preis begründet, vielmehr stellte er die Freiheit in den Mittelpunkt seiner Argumentation:

Gott sei Dank hießen die Vokabeln der damaligen Zeit nicht “Rückzug” und “Zeitplan”, das wichtigste Wort damals hieß “Freiheit” – und nicht “Exit-Strategie”. [...]

Als es besonders bedrohlich war, kam aus Washington der Präsident nach Berlin angereist. Er hat sich nicht heimlich in einer Kaserne verschanzt, sondern sich auf den Balkon des Rathauses (in unserem Sektor) gestellt. Von dort rief er: “Ich bin ein Berliner”. Er hieß John F. Kennedy, was vor allem eines klar macht: Man muss kein Neokonservativer sein, um für die Freiheit einzustehen.

Das Man muss kein Neokonservativer sein, um für die Freiheit einzustehen plaudert viel über die hiesigen Befindlichkeiten aus, wo sich die Mehrheit einen Scheißdreck um die Freiheit anderer Menschen auf der Welt schert, da man diese Gleichgültigkeit ja auch wunderbar hinter einem bedingungslosen Pazifismus verstecken kann. Im Zweifelsfall sind diejenigen, die sich nicht mit tyrannischen Systemen abfinden wollen, immer wildgewordene amerikanische Kriegstreiber, die bestenfalls amerikanische Ölinteressen und schlimmstenfalls israelische Interessen exekutieren.

Wie eingangs erwähnt, kollidiert diese menschen- und freiheitsverachtende Sicht aber zunehmend mit den Realitäten im Irak. Auf der DIE ZEIT hat Jürgen Krönig gestern einen Artikel (Verhalten optimistisch) veröffentlicht, der angesichts der Entwicklung im Irak von einer zumindest differenzierten Sicht durchzogen ist, in der die deutsche Medienlandschaft auch verhalten selbstkritisch beurteilt wird:

Aber es ist noch etwas anderes im Spiel. Die veränderte Realität im Irak zur Kenntnis zu nehmen, hieße Abschied nehmen von einer liebgewordener Praxis.

Nicht nur in deutschen Medien hat man sich daran gewöhnt, im Blick auf den Irak stets eine apokalyptisch eingefärbte Grundmelodie anzustimmen. Auch möchte man nicht von der Erwartung lassen, die verhasste Bush-Regierung werde im Irak kläglich scheitern. Der Krieg sei bereits endgültig verloren, so klang es während dieses Jahres, der Offenbarungseid, das Eingeständnis der Niederlage, werde nicht mehr lange auf sich warten lassen.

Dem ist nur hinzuzufügen, dass der Wunsch des Scheiterns vornehmlich von den Irakern hätte bezahlt werden müssen – also von denen, deren Interessen angeblich von den friedensbewegten Europäern artikuliert worden sind. Aber die Realität macht den frommen Wünschen einen Strich durch die Rechnung, Jürgen Krönig beschreibt die derzeitige Situation im Irak folgendermaßen:

In der Tat: Es mehren sich die Indizien für eine Wende zum besseren. Die Zahl der zivilen Opfer im Irak ist deutlich gesunken. Dieser Trend, der zunächst außerhalb Bagdads begann, ist nun auch in der Hauptstadt wahrnehmbar; im Mai fielen 1070 Menschen Suizidbombern oder sektiererischen Morden zum Opfer, im Oktober waren es 317. Immer noch ein entsetzlich hoher Blutzoll, gleichwohl ein ermutigender Trend, der auch anderswo auszumachen ist. Amerikanische Verluste und Verletzungen sind auf den niedrigsten Stand seit 18 Monaten und den zweitniedrigsten seit vier Jahren gefallen. [...]

Entscheidender ist, dass mit höherer Sicherheit vor Gewaltakten die zarten Pflänzchen der zivilen Gesellschaft zu sprießen beginnen – Eltern wagen es wieder, ihre Kinder in die Schulen zu schicken; Straßenmärkte, in der Vergangenheit bevorzugtes Ziel von Suizidattacken, verzeichnen steigende Umsätze, Läden machen auf, Käufer kehren zurück, langsam beginnt sich das Leben selbst im zerbombten Bagdad wieder zu normalisieren – diesen Eindruck bestätigen diverse Berichte und Reportagen aus dem Irak, ob in der BBC oder Sonntagsblättern wie dem Observer oder der Sunday Times, ergänzt und bestätigt durch Stimmen aus der irakischen Bevölkerung, aus Regierungskreisen in Bagdad und dem amerikanischen Militär.

Das Fazit entspricht ziemlich genau dem von Gabor Steingart, wenn Jürgen Krönig am Ende des Artikels folgendes fordert:

Doch die Hauptgefahr für den Irak bestand und besteht stets darin, dass Amerika die Geduld und Entschlossenheit verlieren und abziehen würde, bevor die Iraker in der Lage sind, auf eigenen Füßen zu stehen und eine einigermaßen stabile, zivile Ordnung entstehen konnte. Dem Druck, vorzeitig abzuziehen, hat sich George Bush bislang erfolgreich widersetzt. Wie immer man über die Politik dieses Präsidenten denken mag – hier hat er richtig und konsequent gehandelt.

Steingart hat in seinem Artikel eines der bekanntesten Zitate von JFK verwendet. Bekannter als Ich bin ein Berliner dürfte nur And so, my fellow americans: ask not what your country can do for you – ask what you can do for your country sein; dieses Zitat geht jedoch – was gerne ignoriert wird – noch weiter:

My fellow citizens of the world: ask not what America will do for you, but what together we can do for the freedom of man.