Posts Tagged ‘Otto-Suhr-Institut’
Diese Weltoffenheit ist verschwunden und bis heute weg. Der amerikafreundliche Impuls war schon zu Beginn der 60er-Jahre Geschichte, als Fraenkel, dessen Lehrstuhl ich dann übernahm, das Kennedy-Institut gründete. Die Studenten interessierten sich damals nicht mehr wirklich für Amerika. Und dann kam eben 1968, und die Stimmung kippte vollends um.
(Arnulf Baring)
DIE WELT hat ein Gespräch mit Klaus Schütz, Udo Knapp, Thea Dorn und Arnulf Baring anlässlich des 60 Geburtstages der FU geführt: Heute feiert die Freie Universität Berlin ihr 60-jähriges Bestehen. Ein Gespräch über das Besondere, das Verlorene und das Grauenvolle einer berühmt-berüchtigten Bildungsstätte. Und die ZEIT widmet der Person hinter der Matrikelnummer 1 einen Artikel: Wie Stanislaw Kubicki vor 60 Jahren mit Kommilitonen die Freie Universität Berlin gründete und ihr allererster Student wurde.
Rolf Schneider schreibt auf DIE WELT über die DDR-Erfahrungen mit 68:
Für einstige DDR-Bürger ist die Jahreszahl 1968 primär nicht von Dutschke, Ho-Ho-Ho-Tschi-Minh-Rufen und Che Guevara bestimmt, sondern von Ereignissen in der CSSR. Die einzige, sehr lose Gemeinsamkeit zwischen Ost und West war, dass es sich in beiden Fällen um Vorgänge innerhalb der politischen Linken handelte.
Der Artikel 1968 war für uns Prag, nicht Rudi Dutschke ist recht kurz; besonders spannend fand ich die Passagen, die sich auf die Studenten des Otto-Suhr-Instituts beziehen:
Unsereins sah im linksradikalen Auftreten der Studentenbewegung eine Wiederkehr jener totalitären Gewohnheiten, wie wir sie täglich von unserem Staat erfuhren, unter denen wir seufzten und auf die wir gerne verzichtet hätten. Soziale Gewohnheiten der Achtundsechziger wie Sit-ins und Teach-ins blieben uns fremd. Das Kampfmittel Demonstration war durch die ostdeutsche Offizialpraxis verdorben. Ungläubig nahmen wir zur Kenntnis, wie aus Dahlem nach Ostberlin herübergereiste Jung-Politologen die Buchhandelsregale mit den vergleichsweise preiswerten Bänden der ostdeutschen Marx-Engels-Gesamtausgabe leerkauften.
Vereinzelt kam es auch zu persönlichen Begegnungen. Die meisten verliefen unerquicklich. Im klassischen Marxismus-Leninismus waren gewöhnlich wir die Beleseneren, auch deswegen erschien uns das ideologische Omnipotenzgehabe der Gäste suspekt. Was wir an Realerfahrungen aus dem osteuropäischen Sozialismus vortrugen, interessierte jene kaum. Bestenfalls sahen sie im Ostblock das nicht durchweg glückliche Experimentierfeld einer Gesellschaftslehre, deren endlichen Erfolg erst sie selbst realisieren würden.
Prag war gleichfalls Gegenstand des Streits. Was die Reformer um Dubcek wollten und praktizierten, waren Anleihen bei der bürgerlichen Demokratie, in der die Antiautoritären ihren verhassten politischen Gegner erkannten. Lieber reisten wir, statt mit Angehörigen des Otto-Suhr-Instituts der FU Berlin zu zanken und Adlershofer Wodka zu trinken, nach Böhmen, um dort Gleichgesinnte zu treffen und in dortigen Buchhandlungen indiziertes Schrifttum zu erwerben.
Something never changes.