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Aus der gestrigen taz:
Das palästinensische Grenzdorf Bilin will an seinem Konzept der Gewaltlosigkeit festhalten – auch nach dem Tod einer Demonstrantin. Steinewerfen ist in Bilin verpönt.
Der unmittelbar im Grenzbereich und etwa auf halber Strecke zwischen Tel Aviv und Jerusalem gelegene Ort Bilin gilt seit über fünf Jahren als Paradebeispiel für den friedlichen palästinensischen Widerstand, der inzwischen auch in anderen Grenzdörfern Schule macht. Die beharrlich jeden Freitag stattfindenden Demonstrationen laufen genau nach Wunsch westlicher Friedensbewegungen ab: gewaltlos. Steinewerfen ist verpönt.
Was halt, bestenfalls, nur die halbe Wahrheit ist. Immerhin schmeißt der Demonstrant auf diesem Bild ja auch nur ein Molotowcocktail und keinen Stein.
Weiter berichtet das Qualitätsmedium taz:
Für die 36-jährige Jahawer Abu Rahmah war der heftige Tränengasbeschuss der Soldaten zu viel.
“Die Demonstration am Freitag war besonders groß”, berichtet Jonathan Pollak, Medienkoordinator des “Volkskomitees”. Gewöhnlich kommen nur ein paar Dutzend Demonstranten, doch beim letzten Mal sollen es rund tausend gewesen sein, darunter auch der palästinensische Premierminister Salam Fayyad, der Bilin jedoch noch vor dem gewaltsamen Zwischenfall wieder verließ. “Wir waren kaum in Sichtweite, als die Soldaten anfingen, Tränengas abzuschießen”, sagt Pollak. Abu Rahmah sei gestürzt und bewusstlos gewesen, bevor sie in ein Krankenhaus nach Ramallah gebracht wurde, wo sie starb.
Was nicht mal der halben Wahrheit entspricht:
The IDF shot down an ugly Arab hoax Monday, after it had already been propagated worldwide. The Nana-Channel 10 website reported that a military investigation found that the woman who supposedly died when she inhaled tear gas at a demonstration Friday was not even present at the protest. She did not die of tear gas inhalation but of cancer, the IDF found, and had been lying in a hospital bed for ten days before passing away.
Einfach ein Elend, diese Berichte aus Tausend und einer Nacht.
Nachtrag: Die National-Zeitung Linke Zeitung lässt die taz in einem besseren Licht erscheinen.
Nachtrag II: Lila auf Letters from Rungholt, zutreffend:
Aber falls wirklich (nicht zum ersten Mal) eine Geschichte an den Haaren herbeigezogen wurde, sollten wir diesmal wirklich die Sache so publik wie möglich machen. Es ist nicht nur eine Frechheit Israel gegenüber, sondern auch eine riesige Respektlosigkeit der Toten gegenüber. Es sind genügend Tote auf Israels Kappe gegangen, die nicht durch Israel gestorben sind – und nur Zyniker können sagen, „ist doch egal, tot ist tot, und Israel hat eh genug auf dem Gewissen“. Das stimmt nicht. Die Umstände des Tods müssen geklärt werden, bei jedem Menschen. Wenn Israel ihren Tod verursacht hat, dann muß das Konsequenzen haben – nicht als ob uns eine weitere Untersuchungskomission zum Glück fehlt, aber Menschenleben ist Menschenleben und vielleicht kann man ja für Bilin mal eine andere Strategie andenken?
Hätte ich auch nicht in der taz erwartet. Armin Pfahl-Traughber über den unbrauchbaren Begriff “Islamophobie”:
… ist dieser Begriff brauchbar, um im Sinne der Vorurteilsforschung ein spezifisches Ressentiment gegen Muslime zu fassen? Schließlich gibt es einen klaren Unterschied zwischen fremdenfeindlich motivierter Hetze und einer – oft menschenrechtlich begründeten – Kritik am Islam und den Muslimen.
Wenn man sich die Entstehungsgeschichte des Wortes anschaut, muss man an dessen Tauglichkeit und begrifflicher Trennschärfe zweifeln.
Bis in die Gegenwart wird der Begriff [...] durch islamische und islamistische Organisationen wie die Islamic Human Rights Commission in Großbritannien instrumentalisiert, die fast jede kritische Stimme mit diesem Schlagwort belegt. Zum anderen steht “Phobie” von der Wortbedeutung her für ein besonders ausgeprägtes Gefühl der Angst, das über ein vertretbares Maß hinausweist. Es soll hier aber nicht um individuelle Emotionen, sondern um reale Diskriminierung gehen und um eine Feindseligkeit, die sich gegen Muslime als Muslime richtet.
Durchaus lesenswert. Armin Pfahl-Traughber in der taz: Eine Ablehnung des Islam beinhaltet noch keine Ablehnung von Muslimen
Die taz über Kuba und die hiesige Szene der “Kubasolidarität”:
Wie auch immer Fidel Castro jüngst seine Aussage gemeint hat, das kubanische Modell “funktioniert nicht einmal mehr für uns”: Tatsache ist, dass sie stimmt. Der kubanische Staat ist pleite, das politische System marode.
Wer aber dazu die Stellungnahmen deutscher Kuba-Solidaritätsgruppen liest, der reibt sich die Augen: Jeder Versuch, die Tür zu einer offenen Debatte über die Zukunft des Inselstaats aufzustoßen, ist für sie bereits feindliches Agententum. Kubas Kurs sollte den Menschen auf Kuba überlassen werden, schreibt etwa Edgar Göll. Recht hat er! Aber in Wirklichkeit meint er mit Kuba nicht dessen Bürger: Er meint die Regierung.
Die Meinungsfreiheit, die man im kapitalistischen Westen ganz selbstverständlich – und völlig zu Recht! – für sich in Anspruch nimmt, soll dem Gros der KubanerInnen offenbar verwehrt bleiben: Die Leichtigkeit, mit der Göll Menschenrechte zu “westdeutschen Schulbuchweisheiten” und Angehörige politischer Gefangener zu “Bräuten von Gesetzesbrechern” erklärt, lässt jedenfalls schwindeln. Die eklatante Mangelwirtschaft – die schlechteste Zuckerrohr- und Kaffeeernte seit 100 Jahren und eine Staatswirtschaft, die am Boden liegt – feiert er dagegen gar als “Freiheit vom Hyperkonsum”. Das würde zur Realsatire taugen, wenn es nicht so traurig wäre.
Natürlich kommt auch dieser Artikel nicht ohne den obligatorischen Verweis auf die Autobahnen den kubanischen Bildungs- und Gesundheitsbereich aus, aber immerhin nimmt man mittlerweile selbst in der Rudi-Dutschke-Straße zur Kenntnis, dass der hemmungslos romantisierte Karibikkommunismus nicht viel mehr als Armut und Unterdrückung zu bieten hat.
Bernd Pickert in der taz: Fidel Castros wahre Worte
Afghanistan, Ägypten, Albanien, Algerien, Aserbaidschan, Bahrain, Bangladesch, Benin, Brunei, Burkina Faso, Elfenbeinküste, Dschibuti, Gabun, Gambia, Guinea, Guinea-Bissau, Guyana Guyana, Indonesien, Iran, Irak, Jemen, Jordanien, Kamerun, Kasachstan, Katar, Kirgisistan, Komoren, Kuwait, Libanon, Libyen, Malaysia, Malediven, Mali, Marokko, Mauretanien, Mosambik, Niger, Nigeria, Oman, Pakistan, Palästinensische Autonomiegebiete, Saudi-Arabien, Senegal, Sierra Leone, Somalia, Sudan, Suriname, Syrien, Tadschikistan, Togo, Tschad, Tunesien, Türkei, Turkmenistan, Uganda, Usbekistan und die Vereinigten Arabischen Emirate sind islamische Staaten.
*Nach taz-Definition:
Auch stimmt man in Deutschland weitgehend damit überein, das Israel sich selbst als “jüdischer Staat” definiert. Diese Sprachregelung ignoriert aber nicht nur die 1,5 Millionen “israelischen Araber”, die immerhin mehr als ein Fünftel der Bevölkerung ausmachen. Sie ist auch insofern rassistisch, als sie alle Bürger nichtjüdischen Glaubens auf eine Quantité négligeable reduziert.
Die taz arbeitet sich an Götz Alys Unser Kampf ab. Am 18. Februar wurde eine Rezension von Stefan Reinecke abgedruckt, die stärker an ein Gutachten eines Gerichtspsychologen (“Unser Kampf ist das Buch eines Renegaten, daher der Hang zur Überkompensation”, “Kann es sein, dass hinter dieser stets in Oberlehrerton vorgetragener Verachtung für seine Generationsgenossen ein bisschen Selbstverachtung steckt? Oder gar Neid auf die “Postenjägervereine” (Aly), die es zu Unikarrieren brachten?”) als an eine Buchrezension erinnert.
Am 23. Februar erschien dann eine zweite Rezension. Habe erwartet, dass die taz Aly nun endgültig als Psychopathen darstellt, der nur dank Springer (“Springer! Chrr! Springer!”) noch nicht in der Klapse gelandet ist. Oder die taz würde sich ein Beispiel an der FR nehmen und den APO-Opis vom Rudi-Dutschke-Traditionsverein Platz einräumen, damit diese den Muff von 40 Jahren (“Wir sind die Guten”, “bundesdeutsche Restauration nach ‘49″, “Cambridge!” etc.) erfolgreich unters Volk bringen können.
Aber ich habe mich getäuscht. Jan Feddersen hat für die taz eine Rezension geschrieben, die Alys Thesen nicht gleich als Werk eines Irren aufgebracht zurückweist, sondern sich ernsthaft auf die Inhalte einlässt. Es ist sicher nicht die Buchrezension des Jahres, aber sie ist – und das hätte ich bei dem Thema und der taz nicht erwartet – diskutabel. Das Fazit fällt folgendermaßen aus:
Alys unfreundliche Polemik gegen die weihevolle Geburtstagsfeier für die Achtundsechziger ärgert an vielen Stellen. Sie vergröbert, sie ist ungerecht, sie verkennt persönliche Motive, gute Absichten häufig wohl auch. Wer unterstellt einem Rudi Dutschke schon Böses? Darum gehts aber nicht. Dass aus Deutschland ein zivilisiertes Land wurde, hat mit dem oft zynisch missachteten Engagement Liberaler in den Fünfzigern zu schaffen, mit Jugendlichen, die kulturell auf amerikanisierendem Trip seit Elvis waren. Und es hat mit all den anderen, mit Juristen und Publizisten, mit intellektuellen Aufbauhelfern von remigrierten Deutschen wie Richard Löwenthal, Ernst Fraenkel oder Theodor W. Adorno zu tun.
Die Militanten der Achtundsechziger hatten möglicherweise anderes Großes vor. Es wurde nie realisiert, sie hatten ohnehin mit nichts so recht Erfolg. Sie wussten es vielleicht nicht besser. Sie hielten sich die echten Schrecken der Nachkriegsgesellschaft vom Leib, aber wie hätten sie es können – er lebte oft in den eigenen Familien. Remigrierte wie Löwenthal oder Fraenkel führt Aly für viele andere an, die den Horror der Zeit vor 1945 erfahren haben und von den Militanten abgetan wurde.
Die Kader von Achtundsechzig hatten bestimmt viel Spaß, man hofft, irgendwie auch Sex, Drugs & Rock n Roll. Aly hält ihnen ein Spiegelbild vor. Manche Züge, die sie in ihm erkennen, sind nicht verzerrt.